Chelsea WolfeHiss Spun

Was war das für ein Schlag in die Magengrube, als Chelsea Wolfe 2015 „Abyss“ veröffentlichte – nicht nur bedeutete dessen Titel „Abgrund“, es klang auch genauso. Als Soundtrack für die Bootsfahrt Richtung Unterwelt schallte es aus einer Jukebox, die der Fährmann mit dem eigenen Obolus angeschmissen hatte. Wolfe verband auf jenem Werk Themen wie Liebe, Einsamkeit, Isolation, Vermissen und Sehnsucht auf so eine bezaubernd düster-traurige Art und Weise, dass es eine Lust war, sich in diesem ganzen Leid zu suhlen. Einmal mehr machte sich die Amerikanerin verschiedene Stile zu Eigen und erweiterte ihren Sound mit Shoegaze- und Doom-Metal-Einflüssen.

Album Nummer sechs, „Hiss Spun“, folgt perfekt datiert auf den Herbst und ist somit ein gutes erstes Sprungbrett in die kommende Winterdepression. Sowohl das Grusel-Cover als auch Singles wie „16 Psyche“ und „Vex“ deuteten im Vorfeld auf eine Neuausrichtung Wolfes hin: prägnanteres und offensiveres Songwriting zu einer allgemein härteren Gangart, inklusive Hardcore-Shouts von Aaron Turner. Chelsea Wolfe wäre allerdings nicht Chelsea Wolfe, würde sie es beim immer gleichen Rezept belassen.

Ähnlich wie in „Particle Flux“ macht sie sich vor allem in der Mitte des Albums das klassische Laut-Leise-Prinzip zunutze. Die brodelnde Stimmung in den Strophen deutet schon die apokalyptischen Ausbrüche an, die folgen sollen. Ein Song wie „Twin Fawn“ ist dadurch zärtlich und brutal zugleich: minimalistisch instrumentierten und beinahe geflüsterten Strophen folgen harte Gitarrenwände und bittere Anklagen einer Person, die in den Angriffsmodus übergegangen ist.

Das wunderschöne „Offering“ erinnert zwar nochmal an „Abyss“, wenn eine scheinbar besiegte und verzweifelte Wolfe über einfache Beats und Gitarrenmelodien singt. Doch das Finale „Scrape“ beendet all diese Betäubtheit. “I don’t need your help or your hindrance/ You stay the fuck away from me”. Auf „Hiss Spun“ beißt Wolfe zurück und wenn sie schon untergehen muss, sollen andere gefälligst mitgehen. In einem Interview zeigte sie sich selbst überrascht davon, wie persönlich und intensiv die Texte ihres neuen Albums geworden sind.

Auf jedem ihrer Werke hat Chelsea Wolfe versucht, eine Nuancenverschiebung ihres Sounds hinzubekommen und sich neu erfunden, ohne die so typische dunkle Ästhetik ihrer Musik aus dem Fenster zu werfen. „Hiss Spun“ bekommt diesen Spagat erneut hin. Es ist direkter im Songwriting, etwas glatter in der Produktion, offensiver in seiner Botschaft und zeigt vor allen Dingen eines: Diese Musikerin kann in allen möglichen Gefilden wildern und doch wird wieder alles, was sie anfasst, zu Gold. Oder passender: schwarz wie die Nacht.

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