Little CubStill Life

Ein Stillleben ist eine Momentaufnahme. Die alten niederländischen Meister schafften es irgendwie, dass Apfel, Hühnchen, Weintrauben, Weinkelche und Wassergläser auf ihren Bildern auch nach Jahrhunderten noch aussehen, als wären sie gerade erst auf der Tafel platziert worden und warteten nur auf jemanden, der herzhaft zubeißt. Charakteristisch für diese Stillleben ist jedoch auch der schwarze Hintergrund, der alles düster und schwermütig wirken lässt, gerade aber den Gläsern mit ihren Reflexen und Verzierungen zum großen Auftritt verhilft. Und hier kommen Little Cub ins Spiel.

Die Band hat mit Kunstanalysen wenig am Hut, schafft mit ihrer ambivalenten Musik aber ein Album gewordenes „Still Life“. Das beginnt mit dem house-infizierten „Too Much Love“, dessen Unbeschwertheit direkt zum Verweilen auf der glitzernden Tanzfläche einlädt. Wer genau hinhört, kommt aber nicht umhin, die Doppelbödigkeit des Songs zu entdecken. „If you cut me open/ I know what you would find/ The hollow generation/ Inside a gilded mind“ – das klingt gleich weniger fröhlich und eher nach dem bitteren, verkaterten Aufwachen in der Realität am Morgen danach. Dieser leicht verbitterte Unterton und die schneidenden Formulierungen haben bei Little Cub Methode.

Schon das Kennenlernen der drei Bandmitglieder war der Musik zu verdanken: Ady Acolatse und Dominic Gore trafen sich im Londoner Technoclub Fabric, Gore und Duncan Tootill wenig später bei einer öffentlichen Jazzsession in einer Kirche. Viele der Songs auf „Still Life“ basieren auf Gedichten, die Gore als therapeutische Maßnahme während seiner Arbeit in einem Buchladen in Südwestlondon schrieb. Klassische Literatur von Philip Larkin, Oscar Wilde und J.G. Ballard hat in den Songs ihren Eindruck hinterlassen, denn neben dem schwarzen Humor beschäftigten sich diese Autoren alle mit der englischen Mittelklasse und ihrem Untergang.

Die Texte sind auf Little Cubs Speisetafel mit einem vornehmlich elektronischen Sound aus Indiepop und -rock, House, Ambient und Jazz garniert. „Mulberry“ beispielweise klingt wie Foals auf Valium: ein watteweiches Bett aus Synthies und Bass, darüber hallende Gitarrenschleifen und wieder diese Ambivalenz im Text („Welcoming arms/ Now spring has returned/ You brace your limbs wide/ And cajole me kindly/ Deep grooves, that could hide all manner of things“). Die Single „Loveless“ wagt sich mehr in Richtung Pop und Deep House, während Gore fragt: „Oh did I ruin the show/ The show that keeps us alive?/ But tell me don’t it feel hollow/ When you have nothing inside?“

So ausgefeilt und detailliert wie Wasserreflexe und Glasornamente auf einem Kunstwerk ist auch der Sound auf „Still Life“. Musikalisch innovativ sind Little Cub nicht, aber die vier Jahre lange Arbeit ist den Songs jederzeit anzuhören. Der niedliche Bandname und die vordergründig entspannte Wohlfühlatmosphäre der Platte dienen gewissermaßen als Türöffner für die darunterliegende Bedeutungsebene, die sich in ihrer lyrischen Prägnanz und Schärfe mit jedem Hören weiter erschließt. Da sage nochmal jemand, Stillleben seien statisch und langweilig.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum