Matt Berninger ist auch nach 15 Jahren Rockstarseins das immanente Gegenteil: Ein Ausgestoßener inmitten von posenden, selbstsicheren Egos. Ein Verschüchterter, dem die große Geste und der Erfolg literweise Unbehagen eintrichtern. Daher war es nicht selbstverständlich, dass The National noch ein Album veröffentlichen, bevor die Bandmitglieder in die Anonymität der Masse verschwinden. Vielleicht ist „Sleep Well Beast“ der Endpunkt einer Karriere, die in ihrem Genre in den letzten Jahren ihresgleichen sucht. Eine Karriere, die eigentlich nur eine Richtung kannte: aufwärts.

Man hatte es aber schon ahnen können, dass aus The National eben nicht diese weltumspannend große Band wie zum Beispiel Arcade Fire oder Biffy Clyro wird. Flashback 2005: Beide Hände umklammern steif das Mikrofon, der gesenkte Blick streift den Bühnengrund. Matt Berninger steht zerbrechlich und verschüchtert vor den knapp 180 Leuten im Kölner Prime Club. Und wie passend legt die Band mit der Single „Secret Meeting“, ohne Worte ans Publikum zu richten, los. Etwas zittrig und in sich gekehrt setzt Berningers reife, dunkel getünchte Stimme ein und erfüllt den Raum mit unglaublicher Präsenz. Trotz melancholischen Grundtons schaffen die Musiker es, aus dem Zusammenspiel zwischen klassischem Bandsound und elektronischer Verstärkung Tanzbarkeit zu implizieren und mit dramatisch ausuferndem Begleitgesang erste Akzente zu setzen.

Seit diesem Moment hat sich eigentlich kaum etwas verändert: Die Melancholie, der doppelte Boden, die Erhabenheit der Traurigkeit – all das zieht sich wie ein roter Faden durch die Diskografie der Band, die bis heute ohne wirklichen Durchhänger auskommt. „Sleep Well Beast“ ist das siebte Album und klingt nur minimal anders als die Vorgänger: vielleicht etwas weniger Pathos im Dramatischen, dafür etwas mehr elektronische Elemente („I’ll Still Destroy You“), aber letztlich ist auch das neue Werk eine Durchhalteparole: Das Leben! Der Alkohol! Die Menschen! Die Entfremdung! The National erleben und überleben die kleinen Hürden des Alltags, mal pathetisch euphorisierend wie in „The System Only Dreams In Total Darkness“, mal gebrochen und semi-morbid in „Born To Beg“. Eine entgrenzte Masse aus Grau und Traurigkeit, die einzig vom Klavier ins Hier und Jetzt zurückgeholt wird. Gebrochen zwar, aber immerhin.

Während die Wunde schon schön klafft, darf die Heilung am entfernten rotglühenden Horizont nicht fehlen („Carin at the liquor store, I can’t wait to see you“). So wechseln sich in stetem Wechsel Trugschlüsse und musikalische Perlen ab, werden eins und winden ihre Energie frei, um sie mit nur noch mehr Drama anzufüllen. „Turtleneck“ ist der rockigste und gradlinigste Song der Band seit langer Zeit, gebiert sich jedoch nur als ein Aufgebehren vor dem nächsten Niederschlag, den The National schon fast routiniert zelebrieren.

Dass dies so kommen wird, ist bereits seit dem Eröffnungsstück „Nobody Else Will Be There“ klar. Dieser selbsthasserfüllte, tieftraurige Beginn, der in eine vorsichtig perlende Metrik, in Klavierkomposita und ein zurückhaltend gestrichenes Schlagwerk hereinschlurft. Mit hängenden Köpfen. Über zwölf Songs wird zwischen Weite, Entrücktheit und schonungsloser Intimität gependelt, gelitten, geliebt, verloren und gestorben, bis die Welt in Traurigkeit getränkt ist und sieben Liter Rotwein vergossen sind.

Im Oktober halten The National über ein Wochenende mit eigens zusammengestelltem Programm Residenz in der Hamburger Elbphilharmonie. Vielleicht ist dies der bestmögliche Abschluss einer semitragischen Karriere, die das Blei auf den Schultern zum siebten Mal zu musikalischem Gold macht.

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