Manchen Musikern gehört die Gegenwart – James Kirby gehört die Vergangenheit. Fast ganz alleine. Unter den Monikern Leyland Kirby (als der er Ende September ebenfalls ein neues Werk herausbrachte), The Stranger, Dr. Fred oder The Caretaker gehört der Brite seit fast zwanzig Jahren zu den führenden Sample- und Ambientspezialisten seiner, zugegebenermaßen, abseitigen Zunft. Mit Vorliebe pult er in ein Jahrhundert alten Songs, die verrauscht, zerknarzt und immerwährend lädiert ihre Runde auf den ebenso betagten Grammofonen drehen: Barpianos tänzeln auf seinen Alben zerdellt voran, nostalgische Streicherklänge erinnern an Filmaufnahmen der Kriegszeit und Störgeräusche mahnen an analoge Zeiten. In der Transformation, im Loop und der gerenderten Aktualisierung beschleicht die Hörerin und den Hörer so ein immerwährendes Gefühl von freundlich ins Zeitgenössische gepeitschter Geschichte. Wie genau er das erreicht, will man gar nicht so genau wissen, denn das das Geheimnis ist Ziel und Ursprung seines relativen Erfolgs zugleich.

Meist press Kirby seine Alben auf Vinyl mit einer Auflage von nur 500-2000 Exemplaren, die binnen Jahren um ein Vielfaches bei Plattformen wie discogs gehandelt werden. Daher überrascht sein Erfolg im Feuilleton umso mehr: Über die Jahre hat sich der Engländer eine Reputation erarbeitet, die ihresgleichen sucht, allerdings nicht zufällig ist. Sein musikalisches Konzept ist von interdisziplinärer Bedeutung, während seine Songs geisterhaft aus der Zeit gefallen weiter ihre Runden auf Plattenspielern drehen, die für einen kurzen Moment die Lizenz zum Time-Warp besitzen.

Nur scheinbar diametral zur Re-Aktualisierung fast vergessener Sounds steht sein aktuelles Konzept, das aus sechs thematisch verknüpften, innerhalb von zwei Jahren veröffentlichten Alben besteht: „Everywhere At The End Of Time“ verhandelt unterschiedliche Stadien des Erinnerungsverlusts bei einer Demenzerkrankung. Über sechs Alben werden so die genutzten Klänge fortschreitend segmentierter, fragmentierter und anekdotischer daherkommen. Es ist ein Spiel mit der hörbaren Distanz, die sich The Caretaker hier zu Eigen macht: Vormals komplette Samples werden zunehmend zerstäubt, zerborsten und kaputtgeschlachtet. Der Vergleicht liegt nahe, dass er hier eine quasi-selbstverständliche Analogie zum kulturellen Gedächtnis unserer Zivilisation zieht, das binnen Jahrzehnten vergisst, verdrängt und widerspricht.

So gelesen offenbart „Everywhere At The End Of Time“ auch eine politische und sozialgeschichtliche Dimension und steht in direkter Nähe zu GeisteswissenschaftlerInnen wie Aleida Assmann, die sich über Jahrzehnte mit dem gesellschaftlichen Gedächtnis, der Tradierung von Erinnerung in persönlichem und medialen Rahmen und der daraus resultierenden Konstitution von Identität auseinandergesetzt hat. Die Beglaubigung der eigenen Kultur und Abstammung, die Vergewisserung von menschlichen Bezugssystemen im familiären Rahmen – das sind die Themen, die auch Kirby zur Disposition stellt, wenn er im dritten Stadium seiner sechsteiligen Reihe die Erinnerung als zunehmend fetzenhaft und segmentiert schildert. In der flüchtigen Zerdehnung der Klänge lässt sich ein Verlust persönlicher Identität erkennen, dessen Kennzeichnung die generelle Entfremdung von all unseren kulturellen Wurzeln darstellt. Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind kulturimmanent: Was erinnern wir? Wie erinnern wir? Wie können wir Erinnerung bewahren? Was wollen wir überhaupt für die nächsten Generationen bewahren?

Die Antworten auf diese Fragen sind einerseits technologisch und medial zu verhandeln als auch von sozialpsychologischer Relevanz. Kirby erweitert mit dieser Albumserie das intellektuelle Konzept Williams Basinskis Überopus „The Disintegration Loops“ (2002) um eine persönliche, gar individuelle Position. Klanglich liegen die Werke bisweilen nicht weit entfernt. Beide eint die über allem schwebende emotionale Dimension ihrer Musik, fast affekthaft und berührend wirken Tracks wie „Joyful Cameradie“ und greifen damit ein weiteres Mal eine zentrale Beschaffenheit von erfolgreicher Erinnerungskultur auf. Die Weitergabe von Informationen innerhalb einer Gesellschaft auf dem Fundament emotionaler Involviertheit – alles Lernen, Verstehen und Verinnerlichen geschieht erinnerungspsychologisch auf der Ebene von Gefühlen. So gesehen mag The Caretaker mit seinen Alben hoffentlich noch lange in der Geschichte der Musikkultur Bestand haben; seine exzellente musikalische Biografie unterstützt dies ebenso wie die Beschaffenheit seiner allesamt emotional packenden Alben.

Neben dem ebenfalls ziemlich guten „Stage 1“ und der noch besseren „Stage 2“ bietet uns Leyland Kirby hier die dritte Stufe der Eskalation an, die ebenso fast friedvoll und zugänglich daherkommt, jedoch für Kenner der Materie kaum mehr Neues hinzuzufügen vermag – ein letztes Aufbäumen konsistenter Erinnerung, bevor das Vergessen tatsächlich bemerkbarer einsetzt. “Here we are presented with some of the last coherent memories before confusion fully rolls in and the grey mists form and fade away. These are the last embers of awareness before we enter the post awareness stage”, beschreibt Kirby sein Werk. „Drifting Time Misplaced“ verhallt ein Klavierthema aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, streut Knusper-Knackser darüber und glättet alles mit freundlichem Reverb. Über allem steht die Sehnsucht, das Begreifenwollen eigener Herkunft und Erinnerung. Blechbläser tauchen auf und ab, verhuschte Ambientklänge zerdehnen die Griffigkeit und verhindern ein ums andere Mal den direkten Zugriff, bieten wie auf „Libet Delay“ nur schemenhafte Assoziationen und schablonengestützte Fetzen aus dem musikalischen Repertoire vergessener Generationen.

Die Ironie dieser Platte besteht vielleicht darin, dass „Stage 3“ im Prozess der Verunmöglichung von Erinnerung, der fortschreitenden Fragmentierung, durchaus viel zugänglicher und ‘vollständiger‘ ist als viele der skizzen- und schemenhaften Alben, die The Caretaker vorher veröffentlicht hat. Wenn er einen Titel wie „An Empty Bliss Beyond This World“ zum insgesamt dritten Mal aufgreift, klingt dieser im direkten Vergleich auf dieser Ebene kompletter und songmäßiger als je zuvor. Nur konsequent reihen sich dann auch Tracks wie „Sublime Beyond Bliss“ in die 16 Songs umspannende Titelliste ein, die in fast kassenschlagermäßigem Furor zunächst die Kaputtness und die Dellen feiern, bis dann doch der bläsergestützte Pathos mit zuzwinkerndem Gestus überhandnimmt. Nicht zur zaghaft, sondern in vollem Bewusstsein.

P.S.: Die komplette Serie aus sechs Alben wird fortlaufend als eine einzige große Veröffentlichung auf Bandcamp geführt. So kann man für 5 US-Dollar auch nach Erscheinen des aktuellen Werks jeweils die alten „reaktivieren“ und herunterladen – man zahlt also nur einmal für sechs Alben, selbst wenn diese noch nicht erschienen sind. Eine sehr faire Regelung und ein sensationeller Preis für diese wunderbaren Werke.

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