Die Stimme bricht, die Kindheit ist vorbei, ein Junge wird ein Mann. Boiband setzen am neuralgischen Punkt des Mannwerdens an: dem Stimmbruch. Und sie stellen gleich zu Beginn ihres Debütalbums „The Year I Broke My Voice“ fest: Dieses ganze „Mannwerden“ ist nichts weiter als eine soziokulturelle Performance, die sich längst überholt hat.

Natürlich grätscht die Biologie immer mal dazwischen, aber abseits davon lässt es sich in Judith Butlers „Gender Trouble“ bestens leben. „The year I broke my voice/ once it’s broken, it’s broken/ I could practice everyday/ but it would only make me feel sick“, singen, sprechen und stammeln Hans Unstern, Tucké Royale und Black Cracker über diese Periode der Pubertät, in der die Entwicklung des Körpers nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar wird. In wunderschön deutschem Englisch sind Unstern und Royale dabei um keine großen Worte verlegen.

Der frühe Höhepunkt der Platte, „Herosexual“, ist dementsprechend voller humorvoller, aber nicht weniger ernst gemeinter Zeilen. „The day I quit being your tomboy, I was grateful you raised me as a feminist“, heißt es da, oder auch: „Independence is counter-revolutionary propaganda. I need you.“ Der Versuch, alle emanzipatorischen Messages der Songs zu entschlüsseln, scheitert zwar kläglich, aber dank der von Black Cracker produzierten Beats sind sie bei allem Dadaismus immer eingängig und lassen auch lyrischen Minimalismus wie bei „Bikini Atoll“ (einziger Text: „Let’s make love on the Bikini Atoll“) komplex wirken. Und das ist der Song ja auch, schließlich dürfte Liebemachen auf der nuklear verseuchten Inselgruppe durchaus eine interessante Angelegenheit sein.

Mit gebündelter Kraft, unerschöpflichen Querverweisen und viel Zwinkern der glittermascara- und kajalverzierten Augen sind Boiband auf dem Marsch durch die heteronormative Popwelt, die das Wiederkäuen von Geschlechterstereotypen oft zu ihrem Mantra macht, und treten mit ihren High Heels alle Schubladen aus dem Identitätskategorienschrank. Dabei geht das queere Trio so subtil und zugänglich vor wie nötig, um gehört zu werden und so sperrig und experimentierfreudig, wie die Revolution es eben verlangt. Vor allem sind sie uneingeschränkt solidarisch mit Menschen, die aus dem Raster fallen und deshalb pathologisiert und ausgeschlossen werden („Strange to be exiled from your own sex to borders that will never be home“, „Diaspora“).

„Boy mit I steht für die Problematisierung von Mannsein als Penis-Talent, für einen nachträglich erworbenen Stimmbruch, für die Akzeptanz schwangerer Daddies und für die Effeminisierung des Abendlandes“, schreibt Boibands Label Staatsakt zu „The Year I Broke My Voice“. Darauf kommen die letzten Songs des Album einmal mehr zu sprechen. In „Second Puberty“ dreht das Trio textlich noch einmal auf („Puberty you motherfucker/ You uglymaker/ Cocksucker/ You were such an important time of my life/ I am what I am because of mass masturbation.“), nur um danach in „Boitch“ einzig catchy Beats zu setzen und abgesehen von den Wörtern „boitch“ und „champagne“ auf einen Songtext zu verzichten. Was für ein Finale für ein Album, das ein bemerkenswertes Plädoyer dafür ist, Sexualität und Identitätsfragen unverkrampft und laut zu verhandeln – um damit all ihre Farben und Formen sicht- und hörbar zu machen.

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