MyrkurMareridt

Mit Myrkur verhält es sich ein wenig wie mit Lana Del Rey, sie betätigt sich als Zeichenmaschine und auch ihr Auftauchen war bemerkenswert. Erschien Letztere durch ein kongeniales virales Video auf der Bildfläche, tauchte Myrkur quasi aus dem Nichts auf der Veröffentlichungsliste des Metal-Riesen Relapse auf, zudem ein paar Soundschnipsel und spärliche Informationen über eine Frau aus dem skandinavischen Raum. Gleich ging das Rumoren los: Niemand in der Szene hatte je etwas von ihr gehört, nirgends war die übliche Ochsentour von Liveauftritten und anderem dokumentiert, die doch normalerweise nötig sei, um so einen Deal an Land zu ziehen.

Als dann auch noch bekannt wurde, dass die Dänin Amalie Bruun, die treibende Kraft hinter Myrkur, vorher in der New Yorker Synthpop-Band Ex-Cops mitgewirkt hatte, war das Getrolle groß und begleitet sie und ihre Veröffentlichungen auch heute noch (siehe die Youtube-Kommentarspalten der Vorabveröffentlichungen von „Mareridt“ oder die gänzlich indiskutablen Morddrohungen). Den Erfolg ihres exzellenten Debüts konnte all dies freilich nicht verhindern.

„Mareridt“ ist erstaunlicherweise erst Bruuns zweites Album als Myrkur, ihr letztjähriger Ausflug ins akustisch-folkloristische „Mausoleum“ gilt nur als EP – abei sind sowohl „M“ als auch „Mareridt“ gerade mal eine klassische Black-Metal-Songlänge länger. Genau hier liegt auch der große Unterschied von Myrkur zu vielen anderen Gruppen: Sie hat sich dem Genre schon immer als Fan der Musik genähert, nicht als Anhängerin einer wie auch immer gearteten Szenepolitik, und das Vorgefundene gewissermaßen in dunklen Folk oder gar Pop transformiert. So verwundert es auch nicht, dass ihre Songs selten die Fünf-Minuten-Marke überschreiten.

Bruun hat ihren Stil und ihr Songwriting hörbar verfeinert, wechselt in ihrem Vortrag spielerisch zwischen harsch und klar, zwischen Englisch und Schwedisch. Ansonsten bedient sie sich für „Mareridt“ erneut gekonnt im weitläufigen Zeichenfundus des Schwarzmetalls skandinavischer Prägung: Mystik, nordische Mythologie und Folklore, die Ikonographie des Fjells, der Fjorde und Fichtenwälder, die Selbstinszenierung als elfengleiche, weißgewandete Märtyrerinnen oder Eleven um sich versammelnde Hexe.

Wer schon mal in Dänemark war, weiß, dass dieses jetzt nicht unbedingt die perfekte Blaupause für diese Ikonographie abgibt – aber geschenkt, so finden sich halt mehr Elemente norwegischer Folktraditionen wieder. Die Musik dazu ist ebenso abwechslungsreich, integriert spielerisch elegische Fantasien (zum Beispiel „Funeral“ im Duett mit Chelsea Wolfe), Blastbeats, (Neo-)Folk-Ausflüge und balladeske Popmomente. In dieser Art könnte „Crown“ streckenweise vom Vokalvortrag her sogar fast auf „Lust For Life“ Platz finden. Kein schlechtes Zeichen, vielmehr findet Myrkur immer mehr ihren eigenen Stil und macht „Mareridt“ so zu ihrer bisher besten Veröffentlichung.

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