Colin Meloy liebt das Spiel mit der Historie. Wilde und mythische Geschichten aus längst vergangenen Zeiten saugt er auf und macht sie sich schon seit seinen Anfängen mit Tarkio, aber eben vor allem mit The Decemberists oder auch zuweilen im Alleingang zu eigen. Dass dabei vor allem die englische Sagenlandschaft und deren Folkinterpretationen in den Vordergrund rücken, merkte man spätestens am von Anne Briggs beeinflussten Album „The Hazards Of Love“.

Nachdem zuletzt vermehrt amerikanische Einflüsse zu hören waren, überrascht die Zusammenarbeit mit der engländischen Sängerin Olivia Chaney unter dem Projektnamen Offa Rex dennoch kaum. Offa Rex, im achten Jahrhundert König von Mercien und selbsternannter König von England, steht als Namenspate für dieses neue Herzensprojekt Meloys, der sich als Fan ihres Debüts „The Longest River“ explizit Chaney für die Zusammenarbeit gewünscht hatte. Auf „The Queen Of Hearts“ tummeln sich klangvolle Traditionals und Wiedergänger britischen Folks, die von bekannteren Lieblingsstücken wie „First Time I Ever Saw Your Face“ über Moritaten wie das glanzvolle „Willie O‘ Winsbury“ bis hin zu ätherisch-psychedelischen Zaubereien wie „The Old Churchyard“ oder dem abschließenden „To Make You Stay“ reichen.

Historisierend im Stil der 60er-Jahre instrumentiert und nur behutsam von Stammproduzent Tucker Martine in Szene gesetzt, fällt bei „The Queen Of Hearts“ vor allem auf, dass sich Meloy stimmlich zurückhält und lediglich beim räudigen, minengeschwärzten „Blackleg Miner“ die alleinige Hauptrolle übernimmt. Fast immer überwiegt die wunderbar weiche Stimme Chaneys, die zuweilen gar an den verwunschenen Klang einer Sandy Denny oder wie bei „Bonnie May“ an Jackie Oates erinnert.

„The Queen Of Hearts“ klingt genau nach dem, was es ist: Leidenschaft und Passion für eine archaisch anmutende Musikform. Zeitgeist findet höchstens im Zuge der allgemeinen Lust an der Entschleunigung statt, was sich am Ende dann doch so ein wenig in den hübschen, aber eben auch leidlich gleichförmigen Stücken widerspiegelt. Insgeheim scheint es jedenfalls, dass der König des erzählerischen Indiefolks seine Königin der Herzen gefunden hat.

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