Richard DawsonPeasant

Mit der Musik Richard Dawsons ist das so eine Sache. Der Songwriter aus Newcastle upon Tyne schert sich wenig um gängige Moden und Strömungen, was auch der Vorgänger von „Peasant“, das sich aus vier Stücken zusammensetzende „Nothing Important“, eindrucksvoll unter Beweis stellte. Wie sonst konnten knapp an der Atonalität vorbeirauschende Melodien mit Gitarrenpickings, denen eine Art gewollter Dilettantismus zu Grunde liegen schien, trotzdem eine gewisse Faszination ausstrahlen? Auf „Peasant“ verbindet Dawson seinen DIY-Stil mit dem Frühmittelalter. Kann das gut gehen?

Begleiten wir Dawson doch erst einmal ein Stück hinein nach Brynaich, jenem Königreich der Angeln im 6. und 7. Jahrhundert, und lauschen seinen Geschichten, die sich dieses Mal ausschließlich um Personen und Erscheinungen drehen. Konzentrierte sich Dawson zuletzt auf das Zwiegespräch zwischen Gitarre und Stimme, hat er dieses Mal den Harfenisten und Improvisationsmusiker Rhodri Davies und Teile dessen Familie an Bord, die zusätzliche Akzente mit Bläsern und Streichern setzen. Jetzt darf man von Dawson nicht erwarten, dass sich während der insgesamt elf Stücke direkt ins Ohr gehende Lagerfeuer-Romantik entwickele – zu wortlastig, zu gestaltwandlerisch verhalten sich die Songs.

Nachdem „Peasant“ schon allein begriffsimmanent heraldisch beginnt, folgt mit „Ogre“ eine Moritat, die auch im zugehörigen Video entsprechend bebildert für die nötigen Gruselmomente sorgt. Choral wird der Rahmen gegeben, dann folgt Dawson in seinem eigenen Sprachduktus und schon findet man sich wieder zwischen all den Lehmverputzten, strohbedeckten Häusern, in deren Mitte auf dem Dorfplatz ein prasselndes Feuer flackert. Das Album folgt weiterhin verschiedensten Figuren und gemahnt so ein wenig an die Canterbury Tales Geoffrey Chaucers. Auf den „Ogre“ folgt mit „Soldier“ eine Art Lamento auf den Krieg und die zu verlassende Liebste, während Dawson im fabelhaften „Weaver“ das Tagewerk der Weberzunft zu beschreiben versucht. Zunächst reichlich windschief, zupft sich der zauselige Sänger durch ein rhythmisches Vexierbild und erinnert hier an eine noch verstiegene Ausgabe Colin Meloys, dem viele der verwendeten Vokabeln und Geschichten sicherlich auch sehr zupassgekommen wären.

Vor allem wenn Dawsons wandelbare Stimme Unterstützung durch den Chor erhält, wird die besungene Zeit nahezu greifbar. Das gelingt im abschließenden, sehr augenzwinkernden und mit über zehn Minuten längsten Stück „Masseuse“ wunderbar, das folgende „Beggar“ lebt hingegen vor allem vom Wechsel der Stimmlagen des Songwriters. So wandelt man mit Dawson von einem Schicksal zum nächsten, leidet beim traurigen „Prostitute“ mit der zweifelnden Hauptfigur, die sich doch viel zu früh als Spielzeug der Elenden in deren Schoß begeben muss und wundert sich nicht nur über die eher mythischen „Shapeshifter“s und „Hob“s und deren Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen. Auf „Peasant“ ist alles verwoben. Ein wenig wie auf dem Teppich von Bayeux reiht sich Geschichte an Geschichte, um am Ende ein bunt bebildertes Diorama zu schaffen, das von der feinen Klinge zwischen Schönklang und Überschwang lebt. Wenn Dawson nämlich im energischen „Scientist“ Zwiesprache mit dem Chor hält, bleibt kein Tanzbein stehen, so blechern und scheppernd seine Gitarre auch klingen mag.

Genau dieser Zwiespalt ist es aber auch, den Richard Dawson so gekonnt in Szene zu setzen mag und der es fast unmöglich macht, nicht hinzuhören. Die wunderbare Melodielinie in „Hob“ etwa, der der Brite beinahe Zärtlichkeit einhaucht. Es gäbe der Beispiele noch so viele, so facettenreich entpuppen sich innerhalb der ganzen, halben oder noch kleineren Akkordintervalle die Entdeckungen ,die man auf „Peasant“ machen kann. Gehen wir doch noch eine Runde mit ihm. Nur am Lagerfeuer müssen wir achtgeben: Da hat schon so mancher Folker seine Seele verkauft.

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