Der Umstand, dass es „A Crow Looked At Me“ überhaupt gibt, ist erschütternd. Nur wenige Monate nach dem Tod seiner geliebten und mit 35 Jahren viel zu früh verstorbenen Ehefrau Geneviève Castrée betreibt Phil Elverum schonungslose Aufarbeitung. Der Kopf des Lo-Fi-Folk-Projekts Mount Eerie erzählt erinnerungsdurchzogen von kleinen und großen Dingen, von Leben und Tod, von Momenten, die er im Angesicht der gerade mal eineinhalb Jahre alten gemeinsamen Tochter nur schwer aushalten kann. „Death Is Real“.

Die ohnehin spärliche Instrumentierung und die rohe, unbearbeitete Musikalität ist bei Mount Eerie schon aus der Vergangenheit als The Microphones immanent. Mit Mount Eerie geht Elverum jedoch noch unbequemere Wege und versteckt die reduzierten Pop- und Folkkleinodien schon mal unter jeder Menge verstreuten Lärms, baut ambiente Klangräume oder in Schall und Ton gegossene Katharsis. „A Crow Looked At Me“ bildet da eine Ausnahme: die musikalische Ausgestaltung geht gegen Null, gebrochene Akkorde auf Gitarre und Klavier flirren wie die flüchtigen Erinnerungsmomente ins Nichts. Elverum erzählt mehr als dass er singt, nur selten perlt ein Melodiefragment aus den wortreichen Erzählungen – vor allem, wenn er die Gedanken an Geneviève mit seiner Tochter teilt.

Das Fehlen, das Vermissen, das Bemerken von Leere sind zentrale Ängste, die Elverum näher an uns heranführt. Ganz nah bei „Emptiness Pt. II“: „When your person is gone and the bedroom door yawns there is nothing to learn. Her absence is a scream saying nothing.“ Dann erschreckend auftauchend wie im darauf folgenden „Toothbrush/Trash“: „I can feel these memories escaping colonized by photos narrowed down and told my mind erasing. The echo of you in the house dies down.“ Die Angst vor dem Vergessen nimmt überhand und die zu Beginn des Albums noch so feste Erinnerung an die gemeinsame Zeit verblasst, trotz energischen Dagegenankämpfens.

Gerade zu Beginn stellt Elverum viele schmerzhaft plastisch wirkende Begebenheiten in den Mittelpunkt, wie der Moment in „Real Death“, wenn ein ohne sein Wissen vor ihrem Tod bestelltes Päckchen für die Tochter ankommt. Auch wenn er sich in „Seaweed“ an Lieblingsblumen, Lieblingstiere oder Lieblingsorte zu erinnern versucht, dringt er dicht an alle, die zuhören wollen.
Lediglich die Sonnenuntergangs-Allegorie nimmt ein wenig Schwere und kündet behutsam von einer versöhnlicheren Zukunft.

Raben und Krähen durchziehen „A Crow Looked At Me“ nicht nur im Titel. Vögel, die durch ihr schwarzes Gefieder und den damit verbundenen Nimbus je nach Kultur anders deutbar sind, werden zu Metaphern, die Elverum wie Gedankenstützen in sein Album flicht. In „Ravens“ sind sie Omen, Ahnung und Stimmungsgeber gleichermaßen und betrachten wie Hugin und Munin in der Odinssage die Welt aus allen Blickwinkeln. Die „Crow“ begleitet Vater und Tochter bei einem winterlichen Waldspaziergang. „And There She Was“ singt Elverum zum Schluss in Betrachtung der Krähe, daran denkend, dass seine Tochter von Krähen träumte. Geneviève ist tot. Phil spürt einen Hauch von Trost. Und alle hören zu.

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