Fear Fun“ war eben doch nur der Vorgeschmack. Das barocke Popgefühl beschwörend, hatte sich Josh Tillman nach seinen Alben unter eigenem Namen und der Arbeit mit den Fleet Foxes ein wenig Opulenz ins Haus geholt, die er gewitzt und lakoniedurchtrieben voranbrachte. „I Love You, Honeybear“ ergab sich der warmen Harmonienflut und kokettierte fein ironisch mit Liebe und Leben. Auf „Pure Comedy“ umschifft Tillman den konventionellen Songgedanken, indem er seine weisen Erzählungen und Betrachtungen klaviertrunken in weitreichende Gewänder hüllt. Doch innerhalb dieser watteweichen Orchestertiraden finden sich wunderbare Melodien, die die oftmals kritischen Töne in einen feinen Zwirn kleiden.

„Pure Comedy“ behandelt während seiner gut 70 Minuten Spieldauer Themen jeglicher Vorstellungskraft. Tillman betrachtet, wägt ab und lacht beim Missfallen über Alles und Jenes, lässt den mahnenden Zeigefinger aber im Hosenbund. In wortgewaltigen Bilderbögen stellt er Tatsachen neben Parabeln und Märchen, entwirft fantastische Zustände und Visionen, doch eigentlich sind es vor allem Schlussfolgerungen für einen temporär unbestimmten Blick in eine wie auch immer geartete Zukunft. Musikalisch entpuppt sich „Pure Comedy“ zunächst als vordergründig langatmiges Klavierwerk ohne wiederkehrende Refrains oder memorierbare Melodiebögen. Doch die Abwechslung und Wiedererkennung funktioniert hier im Kleinen, nahezu Verborgenen und ist vor allem in den variantenreichen Harmoniefolgen und in der auf- und abschwellenden Dynamik zu finden, die in vielen glattgeschliffenen und von Tillman besungenen Kulturbegleitern zur Staffage verkommen ist.

Kernstück auf „Pure Comedy“ ist das unfassbare „Leaving LA“. In sich immer wieder ähnelnden Melodiezeilen entwirft Tillman mit minimaler Varianz eine Ode an Los Angeles, die zwischen Betrachtung, Coming-Of-Age-Story und ironiedurchzogener Abrechnung mit der an ihn gerichteten Erwartung wechselt. Selbst die Streicher triefen vor anbiedernder Larmoyanz, Tillman befeuert die eigenwillige Szenerie mit seinem leidenden Bariton, trotzig, hervorstechend, alles Begleitende zur blanken Nebendarstellung an den Rand setzend. Dass dies bei „Leaving LA“ trotzdem funktioniert, liegt in der evozierten (Neu)gier nach mehr. Neigt man dazu, sich beim ähnlich wortreich auftretenden Mark Kozelek in den Sprachmäandern zu verlieren, bleibt man bei Tillman am Ball, fasziniert über die Nähe, immer in der Hoffnung auf eine nächste, noch gewitztere sprachliche Pointe.

Tillman gönnt sich auf „Pure Comedy“ jede Menge Zeit und Raum für seine sehr freiheitsliebende Musik. Nicht nur, dass die klavierdurchfluteten Songs auch schon mal an den balladesken Piano-Pop des mittleren Billy Joel erinnern wie bei „When The God Of Love Returns There’ll Be Hell To Pay“ und er zum frömmelnden Chor seine Stimme fast schon beschwörend einer höheren Macht entgegen stemmt und entschuldigend nach weniger Schöpfungsambition verlangt; nicht nur, dass „Total Entertainment Forever“ anbiedernd naiver Pop mit krachiger Polemik und dabei trotzdem sein kompletter Ernst ist. Auch dass „Ballad Of The Dying Man“ und „Smoochie“ herzzerreißend schöne Melodieverläufe besitzen und sogar ein Fadeout ertragen und dass das zweite Langwerk „So I’m Growing Old On Magic Mountain“ die besungenen Altersschlieren gar in der brüchigen Ausgestaltung über fast 10 Minuten höhepunktarm zum vollendeten Genuss verwandelt, ist bezeichnend und lässt auf dem Album kaum Lücken entstehen. Kulturverdrossenheit, Schnelllebigkeit, gesellschaftliche Resignation, aber auch politisches Weltgeschehen, die eigene Nase und die systematische Ordnung der Dinge: so reichhaltig, pointiert und bildreich lässt man sich von Father John Misty gerne noch mal die Welt erklären.

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