Wer kennt es nicht? Grundschule, dritte Klasse. Während gerade mit Enthusiasmus “Reise nach Jerusalem” gespielt wird, jener perfide Ausschluss-Tanz, zieht jemand einen der verbliebenen Stühle ruckartig zur Seite. Während man sich zwischen die Sitzflächen bugsiert und zwangsläufig auf dem Hosenboden landet, bricht amüsiertes Gelächter aus. Ebenso verhält es sich mit Davy Kehoes EP, die vielmehr ein über 40-minütiges Minialbum geworden ist. Der Unterschied: Das Zwischen-die-Stühle setzen ist hier musikalisches Kalkül – und wir haben das Grinsen im Gesicht. So mysteriös Herkunft und Umfeld des Iren sind, so diffus vielfältig sind auch die musikalischen Einflüsse, die sich auf seinem Debüt zu einer eigenartig abseitigen Melange zusammenfügen.

Kehoes bravouröse Single „Storm Desmond“ beschreibt der Mailorder Boomkat beispielsweise als “Hassell, Eno & Byrne, before building those energies up again with the Suicide-esque teeth-chatter rhythms and MS-20 drones of Slow Rock Harmonica” und “Running Into Coverage” als “warped electro-folk-dub; a messed up John T. Gast piece”. Spätestens an dieser Stelle sollten jeder Nerd und jede Nerdin die Brille wieder durch einen sanften Stupser richten, die Ohren spitzen und fleißig mitschreiben ob dieses vermaledeiten Namedroppings, das akkurat eben jene Pioniere der frei-gedachten elektronischen Musik als Ahnen auflistet. Dabei gefällt sich Kehoes Werk in Andeutungen und subtilen Zitaten – und vermeidet es, den inhärenten Eklektizismus als Schau- und Werbetafel zu missbrauchen. Man ergänze zur Liste bisweilen noch Rupert Clervaux & Beatrice Dillon, Palmbomen II, ein wenig Cluster (Moebius & Roedelius) und auch einige der immerwährend durchscheinenden Düsseldorfer Krautkollektive wie Neu! oder Can, die sich vorwiegend in der verblüffend organisch klingenden Instrumentierung widerspiegeln. Eigentlich klingt dieses Album durchweg wie Early Electronics, die ihren Bus verpasst haben.

Davy Kehoe schafft es jedoch, diese Bürde der mal verschwurbelten, krautigen, manchmal taubenschlagartig psychedelischen Einflüsse ganz leicht auf seinen Schultern lasten zu lassen: „Storm Desmond“ hat nämlich mitnichten etwas von der düsteren Schwere der oftmals postpunkigen Suicide, sondern mäandert mit seinem gefühlten Dub in sonnigere Gefilde. Es ist ein fast schon zugänglicher und für Ambient bloß zu schnell auf 45 Umdrehungen abgespielter Song, der auf der Klippe zwischen analog und digital balanciert und dabei hochgradig Entscheidungsschwierigkeiten aufweist. Hier liebt jemand die Möglichkeiten der zeitgemäßen Produktion, hat einen großen Fundus an Effektgeräten zuhause (Insider googlen „gear list davy kehoe“) und besitzt eine große Liebe zur Drumbox. Ob Mellotron, Gitarren, Saxophon und weitere Instrumente alle live eingespielt wurden, darf bezweifelt werden und spielt auch kaum eine Rolle, denn selbst Digitales generiert heutzutage diesen analogen Touch.

Kaltgefilterte Beats und warmschwingend-dumpfe Bässe prallen dann auch beim verspielten „Running Into Coverage“ aufeinander, einem zwischen Experimental, Field Recordings, Electronics und House schwingenden Track, der zum Ende herrlich ausfleddert wie eine labbrige Hostie. „Short Passing Game“ hingegen ist der hypernervöse Bruder, der Shangaan-artig zuckende Afro-Hi-Hats fast zehnminütig zelebriert, bevor dämonische Gesänge einsetzen und der Song psychedelisch aufbricht. Überhaupt ist diese feine Scheibe gewürzt mit allerlei Leichtfüßigkeit – die aber konsequent im Abseits steht. Genau das macht diese auf dem Winzlabel Wah Wah Wino erscheinende Scheibe wenig plakativ und auffällig – auch, weil die sechs Tracks sich so zerlutscht, streckenweise langatmig und repetitiv gebärden. Das nächste Werk (auf Editions Mego? Da würde es zumindest hinpassen!) wird sicherlich strukturfester ausfallen, aber auch Kehoes Debüt macht beim Austesten von Grundfunktionen elektronischer Musik ohne zeitliche und geografische Schranken schon eine sensationelle Figur.

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