ArcaArca

Für Pablo Picasso war der Stierkampf mehr als nur ein barbarisches Schauspiel. Er sah darin die kongeniale Zusammenkunft von Mensch und Tier als symbolhaften Kampf der Geschlechter, ein Wechselspiel von Macht und Gegenmacht, einen Tanz zwischen Sex und Tod. Der venezolanische Produzent Arca greift mit Visual-Artist Jesse Kanda in seinem Musikvideo zu „Reverie“ diese Schicksalsbegegnung zutiefst ins rein Menschliche umgedeutet auf – mit Ochsenpenis, Gewaltexzess, surrealen Amputationen und einer Gratwanderung zwischen Tod und Leben.

Diese theaterhaft inszenierte Corrida gewinnt ihre Dramatik besonders daraus, dass statt eines Gegners der eigene Körper und der eigene Verstand als Kontrahenten ausgemacht sind. Arca tanzt mit Verzweiflungsgesten auf einer komplementärfarbig angestrahlten Bühne mit sich alleine und gegen sich selbst an: Zerfetzt, gedemütigt, geliebt, gehasst, getötet. Es ist ein Tanz voller Anmut und Trauer, untermalt von Beats, die sich wie Schlupflider selbst verkapseln.

Seit der Zusammenarbeit mit Björk, mit der er auf seinem neuen Album den exzentrischen und immerwährend etwas unberechenbaren Duktus teilt, singt der inzwischen in London beheimatete Künstler selbst. Auf Spanisch und mit gebrochenem, erhabenem, ehrfürchtigem und abseitigem Schmelz, der aus der Unfertigkeit seiner Vokalkünste die Authentizität schöpft. Denn statt der Stellvertreterbeats, die Stimmungen und Kollisionen auf den beiden ersten Alben narrativ gewinnbringend aufeinanderhetzten, steht nun bei der Mehrzahl der Songs Alejandro Ghersis eigene Stimme im Vordergrund. Die archaisch, orientierungslosen Beats bilden nur das Bühnenbild und nehmen sich selbst zurück; treten verhuscht und miniaturisiert, verloren und pointiert auf. Für diesen experimentellen, wagemutigen Ansatz gebühren Arca als auch dem neuen Label XL Applaus, denn „Arca“ kommt ohne Drop, ohne Hooks und catchy Refrains aus. Selbst Singles wie „Miel“ oder „Anoche“ präsentieren mit ihrer Gehemmtheit bloß narbenhaften Versehrtheitsschmerz: Drone-Beats, Kirchentagsgesänge, Atmo-Schnipsel – das war’s. Dass das höchst eigensinnige Kost ist und viel sperriger als die vorherigen Beats-Werke, hatte sich mit dem Mixtape „Entrañas“ aus dem vergangenen Jahr bereits angedeutet und wird auf „Arca“ nunmehr in Vollendung zelebriert.

Manch einer mag die ureigene Empfindung, diese stete Verletzlichkeit als zu aufdringlich empfinden – was gutes Recht ist, denn in der leiernden Präsenz spanischer Gesänge in Bildern von Geben und Nehmen, Verletzung, Liebeswunsch und verzweifelter Orientierungslosigkeit mögen sich nicht alle zuhause fühlen. Es ist die Empfindung eines queeren Mittzwanzigers, der Körper, Sexualität und Sinnhaftigkeit für sich noch nicht in Einklang gebracht hat, die hier aufblitzt und nur notdürftig von Beats und Gesang zusammengetackert ist. Alles wirkt brüchig, unfertig – obwohl natürlich Arca als Produzent für FKA twigs, Kanye West oder Björk und seinen vorangegangenen Alben bereits Formvollendetes geleistet hat. Die neue Offenheit, der vermeintliche Rückschritt ist ein Fortschritt in der Öffnung für Neues und bleibt durchweg ein Mysterium. „Saunter“ bricht mit seinen glucksenden Beats unerwartet in der Mitte ab, das instrumentale „Urchin“ wuchert wie ein Geschwür inmitten von stimmdominierten Tracks. „Coraje“ gerät zu einer reinen Vokalübung auf ganz eigensinnige Art, dass man Angst hat, die Nadel könne sich weigern, auf dem Vinyl zum nächsten Track zu schalten, bis sich zum Ende hin eine fast liebliche Melodiespur aus dem digitalen Pfad des Abseits schält.

Die Zerrissenheit bleit sich in die Tonspur und offenbart Verletzlichkeit und Persönlichkeit. Dieses Album markiert die Wandlung vom gesichtslosen Beatproduzenten zum Solokünstler, sodass die Selbstbetitelung, die häufig generisch und wenig durchdacht ist, bei diesem Werk mehr als nur stimmig, vielmehr sinnig erscheint. In der organischen, erzählerischen und durch den Verzicht auf gewohnte Songstrukturen unpoppigen Herangehensweise liegt hier das geniale Moment, das man entweder liebt oder hasst. „Arca“ ist in der unnahbaren Verletzlichkeit ein Gradmesser des eigenen Geschmacks: Entweder feiert man es wegen der radikalen Schonungslosigkeit als ein Album des Jahres – oder man schüttelt aufgrund der exzentrischen Exaltiertheit des klagenden Gesangs fortwährend den Kopf.

Ein Kommentar zu “Arca – Arca”

  1. Johannes sagt:

    „Entweder feiert man es wegen der radikalen Schonungslosigkeit als ein Album des Jahres – oder man schüttelt aufgrund der exzentrischen Exaltiertheit des klagenden Gesangs fortwährend den Kopf.“

    Oder man will sich nicht festlegen und vergibt 77% :-D

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