Es scheint fast müßig, die immer noch unfassbar junge Laura Marling ausschließlich auf den Fakt zu reduzieren, dass sie seit ihrer Volljährigkeit mittlerweile sechs Solowerke exzellenter Güte verfasst hat. Ursprünglich mit deutlich britischer Prägung, schoben sich spätestens mit dem herausragenden „A Creature I Don’t Know“ weitere Einflüsse in den Vordergrund. Auf „Semper Femina“ wird daraus eine große Vereinheitlichung aus Wirkung, übergeordnetem Konzept und Musikalität.

„Semper Femina“ wirkt aber auch ohne den feministisch angehauchten Überbau, der seine Quellen nicht nur im Titel preisgibt. Ob das abgeschnittene Vergil-Zitat nun aber auf typisches, immerwährendes oder kontrastierendes weibliches Verhalten verweist, lässt Marling offen. Genauso, wie sie hier mit den Erscheinungsbildern spielt, spielen die einzelnen Songs auch mit den jeweiligen Stimmungen. So liegen auf das erste Ohr Welten zwischen dem experimentierfreudigen „Soothing“, das wie ein gazedurchwirkter Sonntagvormittag irgendwo zwischen Lounge und Laszivität erscheint, und dem von stetigem Gitarrenpicking begleiteten „Wild Once“. Marling öffnet und schließt ihre Kompositionen sowie wie die in den Texten behandelten Themen, die häufig selbstreflektorisch erscheinen, aber immer auch einen Schritt nach außen wagen. Dabei gönnt sie sich zudem den Kunstgriff der Verharmlosung, indem sie das intime Kleinod „Nouel“ in seiner historischen Anmutung erst fast ganz am Ende des Albums versteckt. Verletzlich, kämpferisch singt sie über Emanzipation und Freiheit und kommt dabei der amerikanischen Freiheitsbewegung der 70er-Jahre so nah wie nie.

Insgesamt wagt Marling viel. Die Stücke sind raumgreifender geworden, ohne Fokus zu verlieren. In bester Storytelling-Manier kanalisiert sie ihre Energien über Liebe und Beziehungen im abschließenden „Nothing Not Nearly“, um am Schluss den Strich zu ziehen: „Once it’s gone it’s gone/ Love waits for no one“. Was auf „Soothing“ bereits seinen Anfang nimmt, bekommt auf Albumlänge hin Bestand. Heißt es dort bereits: „I banish you with love, you can’t come in, you don’t live here anymore“, bleibt der Ton des Albums allerdings nicht so unharmonisch, wie es die Unnahbarkeit des Stücks weismachen will. Schon „The Valley“ versöhnt mit wachsweicher Folknuancierung, die Stimmung wird friedvoller und die Streicher bahnen sich wie ein sanfter Frühlingswind ihren Weg. Auch „Always This Way“ geht diesen Weg, bahnt sich allerdings eher mit gediegenem Fingerpicking-Folk amerikanischer Prägung seinen Weg talwärts.

Ihre inspirierende Poesie, ihre in „Wild Fire“ begeisternde erzählerische Hinwendung zum Soul, das unaufdringliche und dennoch mit schwungvoller Frische anhandgestellte Gitarrenspiel ihres Produzenten Blake Mills – viele Faktoren machen „Semper Femina“ zu Marlings thematisch wie musikalisch reifstem Werk. Ob es allerdings den vielen literarischen und künstlerischen Einflüssen (Rilke, Andreas-Salomé) geschuldet ist, dass die Künstlerin mit „Don’t Pass Me By“ das Glanzlicht auf ihrem bislang herausragendsten Album geschaffen hat? Die waidwunde Gitarre, das stolpernde Schlagzeug, die tremolierenden Streicher und eine Schlussfolgerung, die fast wie eine Zusammenfassung des Gehörten erscheint („Is it something you’ve made a habit of?/ It’s not what I need from love, right now“) lassen „Semper Femina“ zu einem manchmal seelenwärmenden, häufig aber auch herzverhärmten Opus Magnum zeitgenössischer Songwritingkunst werden.

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