Xiu XiuForget

So einen mitsingbaren Pseudorefrain wie das sich wiederholende „Wondering“ in der gleichnamigen Leadsingle zu Jamie Stewarts mittlerweile dreizehnter Studio-LP gab es seit „Dear God, I Hate Myself“ nur in äußerst homöopathischen Dosen. Der Rest des Albums ist ein wundersam zerrissenes Songwriterwerk, dessen Stärke im fragmentarischen Rauschen und der Lust am kontrollierten Lärmen liegt.

Auf „Forget“ gibt gibt der vielbeschäftigte Künstler allerdings nicht mehr in dem Maße Dauerfeuer, wie es das letzte reguläre Werk „Angel Guts: Red Classroom“ vermuten ließ. Sicher startet „The Call“ mit halsbrecherischem Quasi-Rap nebst derber Wortwahl und auch der folgende Gothic Pop von „Queen Of The Losers“ und das bereits erwähnte „Wondering“ baden in ausreichender Menge an Störgeräuschen, doch der wiedergefundene Hang zur – wenn auch zersetzten – Melodielinie ist unverkennbar.

Wie flüchtig Stewarts Stimme dabei erscheinen kann, zeigen das sonderbare „Hey Choco Bananas“, das sich letzten Endes in alle Wohlgefälligkeiten auflöst und auch „Get Up“, das trotz aller nebelverhangenen Anmutung noch am Ehesten als konventioneller Popsong durchgeht. Nicht nur dort erinnert „Forget“ ans letzte Perfume-Genius-Album „Too Bright“, welches sich letzten Endes auch nicht zwischen verblassender Faszination und angekratztem Beinahepop entscheiden konnte. Doch während Mike Hadreas immer mal wieder Zeit für Zärtlichkeit versprüht, lotet Stewart Vergänglichkeiten aus, den Blick wie im pulsierenden „At Last, At Last“ gen Himmel gerichtet: angstvoll, aber eben auch mit der garstigen Fratze der Realität.

Wie fast immer gelingt es Stewart dabei auch, in der synthetischen Geräuschkulisse jene häufig albtraumhaften Bilder entstehen zu lassen, die die Band seit je her so einzigartig machen. Schmerzdurchzogen und komplett innig ensteht in „Petite“ der nackteste Moment des Albums: Saiten, gezupft und gestrichen, geleiten den sprechsingenden Musiker durch eine geistige Tour de Force, die im letzten und längsten Stück „Faith, Torn Apart“ mündet. Wieder zerren Synthie-Klänge an den Nerven, wie ein anschwellender Chor singender Nachtglocken untermalen sie den kathartischen Tonfall Stewarts, Begleitgesang stimmt ein und aus dem Chaos der tausend Zungen erzählt Stewart zunächst vom Tod: „Oh brother sleep, oh sister finality/ Your simple curtain, opening, ever opening/ Mournfully appealing/ What do you want me to do? I want you to kill me/ Crushed to death/ I’m crushed to death“. Als wäre das nicht schon niederschmetternd genug, folgt über das Glockengeläut hinaus eine Reise ins Ich, so monoton wie eindringlich, so folgenschwer wie realistisch und so schonungslos wie ehrlich.

Beindruckend bleibt, wie es Xiu Xiu über alle Alben hinweg schaffen, sich in ihren engen Grenzen und trotz ihrer Unverwechselbarkeit nicht zu wiederholen. Sicherlich taucht das eine oder andere Versatzstück in artverwandter Form immer mal wieder auf, doch besitzt jedes Album einen völlig anderen Charakter. Einzig der Schmerz bleibt. Und das ist auch gut so.

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