JacaszekKWIATY

Für die barocke Malerei war die Welt ein symbolischer Ort: In den Stillleben zeugten Musikinstrumente von der Flüchtigkeit der Töne; Schwingungen, gleich dem Leben. Totenköpfe thronten mahnend ob der kurzen menschlichen Existenz, die verschwenderisch und intensiv gelebt werden mochte, bevor die ewige Dunkelheit ihren bedeckenden Mantel über alles Lebendige entfaltete. „Carpe diem“ lautet der Ausspruch, der unzertrennbar verbunden ist mit dieser Epoche der Entbehrung und lustbetonten Lebensfreude. Verewigt ist er in künstlerischen Kulturerzeugnissen der Poesie und bildenden Kunst und ziert bis heute kitschige Postkarten. Immer zentral betont: Blumen als symbolische Manifestation der Blüte und Vergänglichkeit gleichermaßen. Blumen, flowers, „KWIATY“.

Dass Michal Jacaszek einen solch trivialen Titel für sein neuestes Werk nutzt, zeugt von Weitsicht. In der Offenheit der Deutungskontexte liegt hier die Genialität, die „KWIATY“ nur zu gern nutzt, weil dieses Album bei aller wortstarken Poesie eben eine vorrangig atmosphärische Komponente besitzt: als Urgefühl, als Katalysator eigener Empfindungen, als geknicktes Schwarzlicht. Nie zuvor waren Songs von Jacaszek eindeutig Songs – bislang galten seine Entwürfe eher als skizzenförmig, ätherisch und flüchtig. Ein Aggregatzustand, der dunkel getünchten Vorläufern wie dem 2011er „Glimmer“ wunderbar zu Gesicht stand.

Nun aber verfestigt sich sein Songwriting: Hania Malarowska trägt Texte auf Basis von englischen Gedichten des 17. Jahrhunderts vor, Jacaszek untermalt dies mit melancholisch dreinblickenden Ambientklängen, die jedoch subtiler, zurückgenommener und gleichzeitig autarker wirken als sein bis dato stärkster Track „Lament“ vom DebütalbumTreny“. Während das eröffnende „Flowers“ noch verhuscht und verrauscht versucht, Klarheit zu vermeiden, indem es Stimmen in Wattehall und Hintergrund mischt, öffnet sich das Sounddesign im Laufe des Albums. Es riecht nach reichhaltigen Blumenwiesen, die mit ihrer einladenden Geste nicht nur Schmetterlinge, Käfer und Vögel anlocken, sondern auch menschliche Wesen. Voll buntgetupfter Ornamentik sind das bezaubernde „Daffodil“ und „Soft Music“ – und erinnern mit ihrer harfengezupften und geigengestrichenen Zauberei an Joanna Newsom, ohne deren verquere Genialität des Songwritings auch nur zu streifen. Jacaszek verrauscht, verroht, versteckt und verblendet, bis die Welt gar nicht mehr so trist und traurig ausschaut.

Dass die Ambient-Skizzen eigentlich Outtakes sind, die Samples und abseitigen Synthie-Melodien Ausschussware der Vorgängeralben – geschenkt. In Verbindung mit Malarowskas Stimme und der ihrer Begleiterinnen Joasia Sobowiec-Jamioł und Natalia Grzebała wirken diese wie geschaffen für den vibrierenden Klang. „To Violets“ mit seiner heimeligen, fast beschämend zahmen Attitüde mag hier als Beispiel gelten: „KWIATY“ koppelt an das eigene Gefühl – und ist in schwermütigen Momenten schwermütig und in beschwingten Momenten kongenial schwerelos. Dabei wirkt dieses Album in keiner Minute überladen oder gar erschlagend, auch wenn manch weißes Rauschen in den Störmodus schaltet. Letztlich überwiegt die besonnene Gutmütigkeit, die sich an der eigenen Unzulänglichkeit berauscht. Brüche werden zerdehnt und verrauscht, der digitale Tupfer gereicht, wenn sich tänzelnd die Unberechenbarkeit zeigt.

Jacaszek ist mit „KWIATY“ sein bisher konsistentestes, vielleicht auch positivstes Album gelungen. Es klingt bedeutsam nach Vertrautheit, nach Sommer- und Herbstnächten, nach Euphorie und melancholischem Schmelz. Die Gewissheit ist da, dass perfekte Momente nicht unendlich überdauern. Und irgendwie liegt darin der Kern jeglicher Romantik.

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