The ShinsHeartworms

Als Generikum (Plural Generika), häufig auch Nachahmerpräparat genannt, bezeichnet man die wirkstoffgleiche Kopie eines Medikaments, das bereits unter einem Markennamen auf dem Markt befindlich ist. Von diesem Originalpräparat kann sich das Generikum bezüglich der Herstellungstechnologie und enthaltener Hilfsstoffe unterscheiden. Generika sind vor allem eines: billiger als das Original. Das ist als positiv zu werten, wenn die gleiche Wirkqualität erreicht wird.

The Shins 2017 klingen wie Generika der Shins von 2003 – in der homöopathischen Variante.

Man erinnert sich gerne: „Oh, Inverted World“, dieser Überraschungsklassiker des Indiepop, den selbst die Plattenfirma Sub Pop nicht kommen sah, und dann „Chutes Too Narrow“, dieses ewig in die Luschengitarren gehauene Meisterwerk der Gefälligkeit. Diese halbe Stunde Glück. Dieser perfekt austarierte Monolith harmonischer Brillanz. Vor gut fünfzehn Jahren waren The Shins quasi die perfekte Albumband mit den perfektesten rundschnurrenden Popsongs überhaupt. Zwar waren die wohlfeil komponierten und nie zu sehr moll-lastigen Melodien auch damals schon ein wenig nervig, wenn gerade mal nicht die Schönwetterwolken am Himmel ihre Parade abhielten, aber dafür waren sie auch dank Konsensfilmen wie „Garden State“ und Dauereinsatz in Serien wie „Scrubs“ immerhin vom Nimbus umgeben, dass sie eine ganze Generation von Heranwachsenden musikalisch begleiteten. Kein Wunder, waren diese kleinen Songs voll geerdetem Leichtsinn und überirdischer Sehnsucht, die gleichermaßen trugen und versehrten: kleine Symphonien aus bittersüßer Gefühlsduselei und schweren Bürden.

„Heartworms“ hingegen rührt mit seinem melodischen Suppenlöffel in der Beliebigkeit herum und schaufelt den Schmock tonnenweise in die Tonrillen. „What am I, blind? What took me this long? Can’t we hit rewind”, sentimentalisiert James Mercer und bringt das Dilemma selbst auf den Punkt: Musikalisches Essen kann man nach dem Verfallsdatum eben nicht noch mal schnell in die Mikro stellen und genießbarer machen. Das Resultat bleibt ein brei-artiger, grauer Einheitsmatsch. In „What’s In A Name?“ singt der Begleit-Chor „Bla bla bla bla“, in “Painting A Hole” “La la la la la”, bevor ein kurzzeitig aufkeimender, crazy-orientalischer Klang die Ideen- und Konzeptlosigkeit auf den Punkt bringt: keine Richtungsorientierung, nirgendwo.

Neben dem üblichen verschwatzen Liebesleid schwingt Mercer die Nostalgiekeule. „Mildenhall“ ist ein verwackelter Schnappschuss aus der Coming-Of-Age-Phase angesichts eines Vaters, der in Übersee stationiert ist und so nicht als Bezugsperson taugt – die patriotisch-pathetische Fahne weht auf Halbmast. Dabei hatte die Vorabsingle „Dead Alive“ noch mit geschickter Melodieführung und elanvollem Schwung Freude auf das neue Werk geschürt, die aber zehn Mal bitter enttäuscht wird. „Cherry Hearts“ will CHVRCHΞS sein, ist aber in seinem offensichtlichen Discopop-Mix bloß ein drei Minuten währendes Trauerspiel; das lachthaft schlagernde Mellotron-Früchtchen „Fantasy Island“ möchten nicht einmal The Killers geschenkt bekommen. „Half A Million“ beginnt mit einer Phoenix-Gitarre und zeigt einmal mehr: The Shins haben den Anschluss verpasst und leider soundmäßig keine Idee und patente Produktion, welche die allesamt nur mäßigen Songs auf ein zeitgemäßes Level schleifen könnten.

Auf dem Titeltrack unternimmt Mercer einen letzten Versuch: „(What can I do?) And maybe impress you with a song!” Aber auch dieses countryhaft verschleierte „All You Need Is Love“ mag keine größere Geste darstellen als ein zitathaftes Einzelteil einer Gesamtsumme, die erheblich an Magie und Zauber verloren hat.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum