Wenn Töne raven würden, dann klänge das wie auf „Crisis Of Representation“: absurd kauzig und über alle Maßen digital. Gábor Lázár betreibt akustisches Mapping, ein akribisches Abarbeiten am Ton selbst, bei dem wir ihm zuhören können – vorausgesetzt, wir lassen uns auf ein radikales Abenteuer ein.

Jeder der sieben Tracks ist eine Variation desselben Schemas: mechanische, dysfunktionale, metallisch geschliffene Sounds, dumpfe Beats – und alles mit dem Charme des 90er-Jahre-Testbilds im Fernseher. Zwischendurch ändern sich bisweilen Tonhöhe und Tempo, die Beats kommen ins Stolpern oder der scharfkantige Klang wird mit einem Flanger über die digitale Klippe geschubst. Die Tracks heißen folgerichtig „Crisis Of Representation 1 – 7“ und bestehen aus denselben Überbleibseln von Nullen und Einsen, die andere längst vom Laptop gelöscht hätten.

Nicht so der ungarische Komponist. Jeglichen Anflug von Organischem vermeidet Lázár konsequent, vielmehr bemüht er sich um serielles Arbeiten, um Akzentsetzung, um Reinheit und konzeptionelle Klarheit. Dass eine derart avantgardistische Haltung mehr sein will als bloßes Entertainment, versteht sich von selbst. Letztlich gibt er dabei über 38 Minuten denselben No-Rave-Ansatz in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung zu hören: Mal flirrt es unangenehm von links, mal setzt der Herzschrittmacher aus („Crisis Of Representation 5“) und geht dann in einen beatlosen Stottermodus über. Sound aus den Abgründen der Relais einer Anderswelt, das darf jederzeit als kompromisslos, schonungslos und verstörend gelten. „Crisis Of Representation“ ist in der Radikalität seiner künstlerischen Aufladung ein museales Monument und klangästhetisch einer der innovativsten Entwürfe der ersten Jahreswochen.

Schon Lázárs Kollaboration mit Mark Fell, „The Neurobiology Of Moral Decision Making” (2015), war eine nervös zuckende und über alle Maßen traumatische Angelegenheit: Wo andere ihre Beats, Snares und Soundelemente in Form bringen, lässt Lázár seine im Rohzustand – unbehandelt und fies. Die enge Taktung und die teilweise enorme BPM-Zahl lassen hierbei einen Brückenschlag zum Chicagoer Footwork zu, der ebenso repetitiv und anstrengend in Mikrotaktung und Abstraktion sein Heil sucht. Während Footwork aber die Anbindung an die Club- und Streetculture provoziert, kapseln sich Lázárs Songs ab: Die Übungen in gestaltlosem und entmenschlichtem Techno sind sich ihrer selbst genug – und entgrenzen dabei große Teile des Publikums. Dieses Album entzückt daher mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschen, die auf der Suche nach schrägen Kompositionen und experimentellen Klängen niemals im Mediamarkt stöbern, sondern nur pinke Kassetten mit einer Auflage von maximal fünf Exemplaren kaufen.

„Crisis Of Representation“ sprengt jede Nische, ist in Gestalt und Machart ebenso intensiv wie psychedelisch und erinnert vor allem an Ryoji Ikeda, der mit „Test Pattern“ ebenso die physische Qualität von Frequenzen im hör- und unhörbaren Bereich erforschte. Auch beim Budapester Gábor Lázár geht es um Dekonstruktions- und Umformungsprozesse. Den jeweiligen Experimenten geht ein Denkprozess voraus, der Intuition und Bauchgefühl keine Sekunde lang zulässt – bis nur noch nackter Ton zurückbleibt.

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