AUFTOUREN 2016 – Das Jahr in Tönen

10

Ian William Craig

Centres

[130701]

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Man ahnt es nicht gleich, aber Ian William Craig ist vor allem ein Arbeiter der Stimme. Fast alle seine Songs basieren auf Stimmfragmenten, Lautmalereien und vokalem Beatboxing, die er verfremdet und geloopt auftürmt, zerdehnt, vaporisiert und schichtet. Genau das ist auch die inhärente Nähe, die seine experimentelle Ambientmusik funkeln lässt wie kaum eine andere. „A Single Hope“ alleine! Dieser zerflatterte Ergreifungsmoment, wenn die Stimme am Ende entgleitet oder wie bei „Set To Lapse“ in irisierendem Kristall aufgeht. Maschinengemachte Schönheit klang zwischen fies waberndem Analogbild-Rauschen und über digitale Klippen geworfenen Stimmen selten überzeugender. (Markus Wiludda)


9

Nicolas Jaar

Sirens

[Other People]

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Man hält es kaum für möglich, aber „Sirens“ ist nach seinem Debüt von 2011 tatsächlich erst der zweite Langspieler von Nicolas Jaar. Okay, es gab schon Single-Sammlungen, auch dieses Jahr, denn Jaar veröffentlicht konstant (vor allem auf seinen eigenen Label Other People) Tracks, aber „Sirens“ ist eben doch der erste offizielle Nachfolger im Albumformat und man kommt nicht umhin zu sagen, dass Jaar alles richtig gemacht hat. Das liegt auch daran, dass Jaar dieses Format bestens zu nutzen weiß. Seine Alben sind Alben im besten Sinn: Stringent im Aufbau, geschlossen in der Gesamtkonzeption und getragen von seinem unverkennbaren Sounddesign, welches er diesmal noch um Anleihen bei Rock’n‘Roll und Früh-80er-Synth erweitert. (Mark-Oliver Schröder)


8

The Body

No One Deserves Happiness

[Thrill Jockey]

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Das Sludge/Doom-Duo Chip King (Gitarre, Gesang) und Lee Buford (Schlagzeug, Programmierung) alias The Body hauen seit 2013 eine nicht abreißende Kette von Veröffentlichungen – oft in Kollaboration mit anderen Größen des metallenen Kosmos, beispielsweise dieses Jahr mit Full Of Hate – auf gleichbleibend hohem Niveau raus. Dabei ist ihre Herangehensweise an das Genre mit experimentell, nahezu elektronisch und industriell zu beschreiben. Die beiden legen einen zersetzenden Teppich und King singt dazu aus den tiefsten Abgründen einer Gummizelle im Arkham Asylum. Das ist schon lange atemberaubend, aber was „No One Deserves Happiness“ über alle bisherigen Großtaten erhebt, ist der Einsatz der Stimme von Maralie Armstrong. Diese verleiht dem Dargebotenen eine sinistere Festlichkeit, mischt Pop und Pathos in den immer latenten Nihilismus und ist in dieser Ausprägung einzigartig. (Mark-Oliver Schröder)


7

Blood Orange

Freetown Sound

[Domino]

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Für die USA war es ein mehr als bewegtes Jahr. In den Schlagzeilen ganz vorne dabei: Die Debatte um institutionellen Rassismus und Polizeigewalt gegen People of Color. Schwarze Musiker*innen nutzten ihre Plattformen, um auf die alltäglichen Diskriminierungen und Verletzungen aufmerksam zu machen und schafften damit die besten Musikmomente des Jahres. So auch Dev Hynes, der mit „Freetown Sound“ ein inhaltlich dichtes wie musikalisch mitreißendes Album veröffentlichte. Seine eigenen Migrationserfahrungen und -erzählungen mischen sich mit Fragen zu Geschlechterbildern, Sexismus und Religion. Die Musik täuscht über die inhaltliche Tiefe und Schwere im ersten Moment hinweg, fügt sich bei jedem Hören aber mehr ins konsistente Bild hinein. Ein Album, das lange bleibt. (Benedict Weskott)


6

The Drones

Feelin Kinda Free

[Tropical Fuck Storm]

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The Drones spülen auf „Feelin Kinda Free“ das politische Zeitgeschehen Australiens in den Orkus und haben diebische Freude daran, Monotonie und Alltag aufzubrechen. Breitbeinig, bellend und beißend berserkert sich Gareth Liddiard zum Beispiel durch „Boredom“, das die australische Flüchtlingspolitik behandelt, das Duett „To Think That I Once Loved You“ ist durchzogen von tränenverhangener Alltagsromantik und „Sometimes“ schleppt sich unter Fiona Kitschins Stimme durch ein unheilschwangeres Kabarett der Nacht. Ohne Frage haben The Drones ihren Stil seit dem Vorgänger „I See Seaweed“ noch einmal lauter, ungestümer und vor allem dreckiger angelegt, doch genau das macht „Feelin Kinda Free“ zum bisherigen Höhepunkt in einer nahtlos großartigen Diskographie. (Carl Ackfeld)


5

ANOHNI

HOPELESSNESS

[Rough Trade / Beggars]

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Kaum ein Album wurde 2016 ausführlicher musikmedial begleitet als „HOPELESSNESS“. Das Bekennen zum wahren Geschlecht und die Musikästhetik fernab der gewohnten Pfade von Antony And The Johnsons bieten eben die perfekte Story. Doch ANOHNI bringt viel mehr als das: den Soundtrack für ein Jahr, das sich in in eine scheinbar unausweichliche Abwärtsspirale immer weiter hineinsteigerte. Die Schwere der Themen auf „HOPELESSNESS“ ist fraglos erdrückend, die Produktion von Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never ist es nicht. Und so entsteht aus ANOHNIs unnachahmlicher Stimme, ihrem Sendungsbewusstsein und kultivierten Weltschmerz ein maximal zeitgemäßes Album, das aneckt und aufrüttelt. (Benedict Weskott)


4

David Bowie

Blackstar

[RCA]

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„Drop my cellphone down below“, singt Bowie in „Lazarus“.Auch wenn der gebürtige Brite mit den Technologien der Zeit vertraut schien, ist sein letztes Werk ein zeitloses. Opulenter, klassischer, jazziger und psychedelischer als die Vorgänger türmt „Blackstar“ seine sieben Songs zu einem Album auf, dessen Qualität immer auch ein wenig überlagert wird von einer Geste des wohlwollenden Abschieds: David Bowie – bereits im Video zur überragenden Single „Blackstar“ krebsgezeichnet – verstarb im Januar 2016. Seine essenziellen Beiträge zur Popgeschichte sind zahllos, „Blackstar“ ist jedoch mehr als bloß ein Alterswerk, sondern ein schwelgerisches, gekonnt inszeniertes und nie gefälliges Album. Es bleibt ein Symbol seines Lebensmutes, seiner Kreativität und steten musikalischen Neuorientierung. „Ain’t that just like me?“. Dafür und immer ein Danke, Starman! (Markus Wiludda)


3

Nick Cave & The Bad Seeds

Skeleton Tree

[Bad Seed Ltd.]

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Dass man Nick Cave noch nie so zerrissen und nackt erlebt hat wie auf „Skeleton Tree“, versteht sich von selbst. Die Trauer um seinen Sohn stellt ihn als Sänger aber auch in den Mittelpunkt: Begleitet von dunklen und verletzlichen Arrangements erhebt sich seine Stimme in einem ganz anderen Kosmos, weit weg davon, sich auf die musikalische Untermalung einlassen zu wollen. Zurückgezogen und doch mit fester Stimme wird klar, dass er diesen Weg komplett auf sich allein gestellt gehen will. Man merkt, wie er mit sich ringt, wie er die Antwort auf seine Fragen aufspüren will. Schließlich scheint er kurz vor Schluss auf der Suche nach Trost im „Distant Sky“ fündig zu werden, schreckt letztlich aber doch wieder zurück. In diesem Sinn wird bis zum Schluss nicht klar, ob die schier unmenschliche Trauerarbeit, die auf „Skeleton Tree“ dokumentiert ist, wenigstens für ein kleines Licht am Horizont gesorgt hat. (Felix Lammert-Siepmann)


2

Beyoncé

Lemonade

[Columbia]

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Keine Überlänge. Keine unfertigen Songskizzen. Ein kompaktes, kohärentes, vielschichtiges Ganzes. „Lemonade“ setzt abermals den Standard des modernen Popalbums, ist abermals von einer Komplettverfilmung begleitet, die das ohnehin facettenreiche Werk um weitere Deutungsmöglichkeiten bereichert. Doch die Bilder sind ebensowenig essentieller Hintergrund wie die Spekulationen um biographische Hintergründe der thematisierten Beziehungskrise oder welche KollaborateurInnen welchen Anteil an den Songs hatten (ohnehin lautet die Antwort darauf fast immer „Wir hatten anfangs diese Idee und sie hat daraus irgendwie DAS gemacht“). Ob handfester politischer Protest im finalen Ausrufezeichen „Formation“ oder fiktive Trennungserzählung, was zählt ist die Überzeugungskraft der Songs – und im Überzeugen ist Beyoncé Meisterin. In Wortwahl, in der Stilwahl, mit der sie neben simpler Pianonummer und atmosphärischer Elektronik die afroamerikanischen Traditionen des Country und Rock aufgreift, in der physischen Ausreizung ihrer stimmlichen Möglichkeiten. Letzteres erhebt sie auf ein neues Niveau, wenn sie Höhen wie Tiefen mannigfaltig verraucht, verkratzt und klar ausdrückt, ein monotones Schwelen ebenso eindringlich wie der Stimmenmodus- und Tonlagensprung in „All Night Long“. (Uli Eulenbruch)


1

Danny Brown

Atrocity Exhibition

[Warp]

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Die Abwärtsspirale dreht sich weiter. „And it’s the downward spiral, got me suicidal/ But too scared to do it so these pills will be the rifle“, rappte der Detroiter MC vor fünf Jahren auf seinem Mixtape „XXX“, auch auf seinem vierten Album „Atrocity Exhibition“ widmet er gleich den ersten Song der „Downward Spiral“ aus Drogen, Depressionen und Paranoia. Nach den hedonistischen, EDM-befeuerten Partytracks auf dem Vorgänger „Old“ widmet sich Brown auf „Atrocity Exhibition“ vor allem den Stunden nach der Party, wenn er sich schwitzend und Zähne knirschend in sein Hotelzimmer verkrochen hat und von den Drogencocktails, mit denen er seine Dämonen bekämpft, nur noch die Nebenwirkungen übrig sind. Passend zu dieser zurückgezogenen Stimmung verzichtet der MC mit der Quäkstimme – abgesehen vom großartigen Posse-Track „Really Doe“ mit Kendrick Lamar, Earl Sweatshirt und Ab-Soul – auf Gäste, dokumentiert seinen Selbstzerstörungstrip stattdessen im Alleingang über scheppernde Beats von Paul White, The Alchemist und Black Milk. (Daniel Welsch)

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