AUFTOUREN 2016 – Das Jahr in Tönen

20

Kevin Morby

Singing Saw

[Dead Oceans]

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Nach Jahren auf Tour mit den Psych-Folkern Woods und The Babies zieht Kevin Morby vor den Aufnahmen zu seinem dritten Soloalbum nach Mount Washington, Los Angeles und kommt ein wenig zur Ruhe. Für die Songs von „Singing Saw“ gilt das nur bedingt, denn im siebenminütigen Titelstück verwandelt sich ein nächtlicher Spaziergang durch seine neue Nachbarschaft in einen Albtraum, als der 28-jährige Songwriter von einer singenden Säge verfolgt wird. Auch „I Have Been To The Mountain“ will keine Ruhe geben, beklagt die Ermordung des Afroamerikaners Eric Garner durch Polizisten, dazu treiben Mariachibläser und Frauenchöre den Song in höchste Höhen: „And have you heard the sound/ Of a man stop breathing, pleading?“ Nach dem spröden Vorgänger „Still Life“ poliert Morby seinen 70er-Jahre-Folk für „Singing Saw“ mit Streichern, Bläsern und tatsächlich auch singenden Sägen mächtig auf, schreibt vor allem aber die besten und vielseitigsten Songs seiner Karriere. (Daniel Welsch)


19

Sioux Falls

Rot Forever

[Broken World Media]

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Diese Band existiert nicht mehr, jedenfalls namentlich nicht. Gut ein halbes Jahr nach Veröffentlichung ihres Debüts beschlossen Sioux Falls, sich in Strange Ranger umzubenennen. Für genug Gesprächsstoff hat die Band freilich auch ohne diese Entscheidung gesorgt, denn „Rot Forever“ ist ein nur so vor Kraft strotzendes Album, dem die Beschreibung „Emo“ zwar ansatzweise gerecht wird, dessen Wurzeln aber um einiges tiefer liegen. Post-Hardcore, Indie Rock und ja, auch eine wuchtige Portion Emo der ersten Tage sind dabei, wenn sich die Gruppe aus Portland auf gleich doppelter Albumlänge austobt. Dabei verliert sie auch in den längeren Songs nie den Fokus, sorgt dafür, dass der nächste Ausbruch nie weit entfernt ist und hält somit die Intensität auf höchstem Niveau. (Felix Lammert-Siepmann)


18

Mykki Blanco

Mykki

[Dogfood MG]

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Mykki Blancos Debüt nur auf seine Entstehungsumstände oder Blanco selbst zu reduzieren, wäre sowohl frevel- als auch schablonenhaft, schließlich ist „Mykki“ eben nicht nur aufgrund von Blancos Identitätswirrwarr eine großartige, queere wie campe Trap- und HipHop-Revue geworden. Den Popappeal besorgt Woodkid und zwingt „Mykki“ so trotz aller Bedeutungsschwere und Themenvielfalt auf die Tanzfläche. Zum dystopisch blubbernden „My Nene“ lässt es sich meisterhaft zappeln und die hymnische Verneigung „For The Cunts“ bedarf ob des Titels keiner weiteren Worte. Der selbsternannte „non-binary genderqueer post-homo-hop musical artist“ streicht seinen Regenbogen in mutigen und kraftvollen Farben – und wird so zum dringlichen wie charmanten Gegenentwurf des beyoncierten Popkosmos. (Carl Ackfeld)


17

Palace Winter

Waiting For The World To Turn

[Tambourhinoceros]

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Wenn 2014 das Jahr von The War On Drugs war, schlug in diesem Jahr Palace Winters Stunde. Carl Coleman und Caspar Hesselager machen Musik über den Moment, nach dem alles anders wird – und der doch so oft nie endet. Die Songs auf „Waiting For The World To Turn“ klingen nach Erwartung, eher getrieben von Sehnsucht nach Anderem als von der Verbitterung über Bestehendes. Damit ist die Platte trotz der Qualität ihrer Einzelstücke in erster Linie eine 42-minütige Reise, die am Ende versöhnlich stimmt, aber trotzdem nicht die so sorgsam kultivierte Melancholie über den Haufen wirft. Ein Meisterwerk. (Benedict Weskott)


16

Mitski

Puberty 2

[Dead Oceans]

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Auf ihrem vierten Album ist Mitski Miyawaki mit ihrer Gitarre nicht nur stimmlich auf sich allein gestellt, auch ihre Arrangements destilliert sie nach Bemessen aufs Nötigste. Für „I Bet On Losing Dogs“ webt sie dafür Bass und Schlagzeug um eine dramatische Synth-Wallung und noch weiter desorientierende Stimmvermengungen. Über metronomischem Klackern und Pochen hallt in „Thursday Girl“ nur der gelegentliche Anschlag auf, doch nicht die Dichte der Instrumentierung ist auf diesem Album ausschlaggebend – hier ist es vielmehr der Hallklang, der Miyawakis suchende Stimme geduldig bettet. Im Paradestück des Albums singt sie „You’re an all-American boy/ I guess I couldn’t help trying to be your best American girl/ Your mother wouldn’t approve of how my mother raised me“ auch bei getragenem Tempo mit einer sich überschlagenden Intensität, während ihr ohnehin kathartisch glühender Gitarrenrausch subtil um einen letzten hoffenden Glimmerton veredelt wird. (Uli Eulenbruch)


15

Show Me The Body

Body War

[Loma Vista]

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Ist das, was Show Me The Body machen, noch Rap oder doch eher Punk? Anfang/Mitte der 90er hätte man es vielleicht – bevor diese Genrebezeichnung, wie so viele vor und nach ihr, völlig verbrannt worden ist – Crossover genannt. Denn das Trio aus New York präsentiert sich zwar als Rockband, geht aber in der Performance darüber hinaus. Der langhaarige Bassist sieht aus und grimassiert wie ein Metalfreak, der Schlagzeuger groovt sich durch die Songs und der kahlköpfige Sänger sprechsingt sich die Seele aus dem Leib und malträtiert sein Banjo, dem er Töne entlockt, die ebenso an Loops wie an Noisegeschredder geschult sind. Wie nebenbei fällt auch noch der eine oder andere veritable Hit ab und weil dem allem so ist, findet sich „Body War“ folgerichtig in unserer Lieblingsliste. (Mark-Oliver Schröder)


14

Marlon Williams

Marlon Williams

[Dead Oceans]

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Ein Songwriteralbum, auf das sich fast alle einigen können sollten. Das Solodebüt des Neuseeländers Marlon Williams hat fast alles an Bord, was man sich in diesem Genre wünschen könnte: die Uptempo-Nummer im flotten Sixties-Gewand („Hello Miss Lonesome“), die locker jangelige Beatles-Reminiszenz („After All“), obskure 70er-Jahre-Cover (I’m Lost Without You“) und als krönende Höhepunkte ein wehmütiges Folk-Noir-Kunststück („Dark Child“) und androgyn überkrusteten Jazz der Marke junge Billy Holiday („When I Was A Young Girl“). Allein schon wie Williams in diesen, das Mark des Lebens aussaugenden Minuten eins mit der sich in Erinnerungen suhlenden Protagonistin des Stücks wird, verdient jeden Platz der Welt in den Jahreshitparaden. (Carl Ackfeld)


13

Touché Amoré

Stage Four

[Epitaph]

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Auf dem Vorgänger „Is Survived By“ schlichen sich eine überraschende Zufriedenheit und sanfter Optimismus in die Texte von Jeremy Bolm. Im Zentrum des dritten Albums von Touché Amoré stand deshalb auch die Frage, wie man überhaupt noch verzweifelten (Post-)Hardcore schreiben kann, wenn man optimistisch in die Zukunft blickt: „It’s hard to write content.“ Doch die Krebserkrankung und der Tod von Bolms Mutter machten solche Fragen überflüssig und bereiteten dem vorsichtigen Optimismus gleich wieder ein Ende. Stattdessen betreiben Touché Amoré mit den elf Songs von „Stage Four“ Trauerarbeit, die für Sänger wie Hörende ähnlich aufreibend ist. Wirklich abgeschlossen wirkt dieser Prozess noch nicht, weshalb Bolm keine Antworten findet – aber immerhin wieder leichte Zuversicht: „I’m not sure what I believe/ Well I think that’s understood/ But I know she’s looking out for me/ The way she said she would.“ (Daniel Welsch)


12

Leonard Cohen

You Want It Darker

[Columbia]

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Niemals geht man so ganz. Mit „You Want It Darker“ hat Leonard Cohen für nichts anderes als ein letztes und darüber hinaus großartiges Vermächtnis gesorgt. Engelsgleiche Chöre überhöhen die altersweisen und von bittersüßer Melancholie durchzogenen Texte, die Cohen, brüchig an Stimme und Gedanken, in den Nachthimmel krächzt. Nie war ein stimmloses Singen atemraubender als in diesem letzten Werk. Mit Pauken und Trompeten, Schalmeien und Streichern betreibt Cohen ein letztes Mal eine Art Himmelfahrt. „Hineni, Hineni“ oder eben „hier bin ich“ – selten war ein Wort so sehr Losung, Wegzeichen und Stimmungsfänger in Einem. Wir wollten ihn immer so dunkel wie möglich. Am Ende ist alles schwarz. (Carl Ackfeld)


11

The Range

Potential

[Domino]

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Woher kommt der Ruhm? Wie schaffe ich es an die Spitze – oder überhaupt erst mal, aus der Masse herauszustechen? The Range beschäftigt sich mit diesen Fragen, ohne dabei selbst das Wort zu ergreifen. Sprechen lässt er Youtuber*innen, deren Gesangsamples er in seine Songs einbaut. So schwingt auf „Potential“ in jeder Sekunde eine herzzerreißende Mischung aus Hoffnung, Unsicherheit und Enttäuschung mit: „Right now, I don’t have a backup plan for if I don’t make it/ But even if /I‘d just decide to move on.“ James Hinton setzt den Neverbeens der YouTube-Welt ein Denkmal und produziert dafür einen Sound, der fast schon exemplarisch für 2016 gelten kann. Trap, HipHop, IDM, Dubstep und Elektropop mischen sich zu einem vielschichtigen Musikerlebnis, das die Fallhöhe zwischen „alles geschafft“ und „nichts erreicht“ perfekt vertont. (Benedict Weskott)

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