AUFTOUREN 2016 – Das Jahr in Tönen

30

SubRosa

For This We Fought The Battle Of Ages

[Daymare]

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Dass Streichinstrumente ganz formidabel zu Doom passen, ist dank My Dying Bride keine neue Erkenntnis. Kaum lässt sich jedoch eine Band finden, die ihren Sound mit Geigen zu so einer bestechenden Eigennote geführt hat wie SubRosa. Die Kompositionen ihres vierten Albums umfassen meist über zweistellige Minutenzeiten mehrere Täler, Gipfel und Zwischenplateaus, dass es einer ambitionierten Erzählung gleicht. Zwischen den Violistinnen Sarah Pendleton und Kim Pack entwickelt sich so in „Black Majesty“ ein dramatisches, minutenlanges Wechsel- und Kontraspiel über einem stürmischen Verstärkerwogen, das später unter mehrfachem Runterbrechen ganz zu verebben scheint, mit dem präsenter gewordenen Schlagzeug-Wuchten aber immer noch einmal neues Leben schöpft. Die Geigen werden dissonant, je weiter SubRosa die Entropie treiben, zugleich tritt mit der Stimme von Rebecca Vernon die größte melodische Stärke in den Vordergrund – sie steht fest, ob von Kakophonie umspült oder wie hier von fein gehauchten Begleitvocals.(Uli Eulenbruch)


29

JaKönigJa

Emanzipation Im Wald

[Buback]

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JaKönigJa sind seit jeher Garanten für textlich verqueren, deutlich unter dem Mainstream segelnden Diskurspop. Mit einigem Abstand zur letzten Veröffentlichung zeichnet sich „Emanzipation Im Wald“ vor allem durch ein idyllisches Klangbild aus, dem Ebba und Jakobus Durstewitz lakonisch duftende Wortspiele aus Feld und Flur beifügen. Das elektroarme Werk strahlt dabei fast so viel Wärme wie das wunderbare Albumcover aus und lässt zuweilen gar an den barocken Wohlklang eines Van Dyke Parks denken. Dennoch beweist das Hamburger Ehepaar immer noch ausreichend fantasievolle Querköpfigkeit, wenn es in den schrägsten Momenten des Albums wahlweise „spukhafte Fernwirkung“ attestiert oder die Zukunft dem Pferd zuschreibt. (Carl Ackfeld)


28

The Avalanches

Wildflower

[XL / Beggars]

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Schon die ersten Hörproben ließen vermuten: „Wildflower“ ist rückwärtsgewandt im besten Sinn. Genau wissend, dass sich der durchschlagende Erfolg von „Since I Left You“ sowieso nicht 1:1 wiederholen lassen könnte, haben es The Avalanches dabei belassen, nur an ganz kleinen Stellschrauben zu drehen. Die neuen Gastmusiker sind schon die größte Veränderung, das Sampling wurde etwas zurückgefahren, doch die beschwingte Grundausrichtung bleibt bestehen. Genau richtig so, möchte man meinen, denn das Jahr 2016 hat diese fröhliche, lebensbejahende Einstellung dringend nötig. Nicht zuviel Gesellschaft, wenig Politik, dafür viele Alltagsgeschichten aus Nachbarschaft und Freundeskreis, umspült von weichen Texturen und nicht zuletzt einer unfassbar lässig vernetzten Mischung aus HipHop, Bigband und Funk bringen wenigstens etwas Abwechslung in die triste Welt. (Felix Lammert-Siepmann)


27

Angel Olsen

MY WOMAN

[Jagjaguwar]

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Unbeschreiblich weiblich: Mit ihrem dritten Album hat sich Angel Olsen endgültig etabliert. „MY WOMAN“ ist noch eine Spur selbstbewusster als der Vorgänger, vor allem zu Beginn nimmt Olsen Fahrt auf und nutzt zu twangenden Gitarren markige Worte. Doch eben nicht nur getreu dem Motto „Shut Up Kiss Me Hold Me Tight“ finden sich gerade in der zweiten Albumhälfte epische Gedankenexperimente wie das im Gitarrentrubel verlandende „Sister“ oder der von Erinnerungsmomenten durchzogene Schlafzimmerpop von „Those Were The Days“. So raumgreifend und intim zugleich wie im titelgebenden „Woman“ war Olsen zudem nie und lässt „MY WOMAN“ schnell zu einem bandbreitenbrechenden Kleinod werden. (Carl Ackfeld)


26

Kate Tempest

Let Them Eat Chaos

[Fiction]

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Die Welt liegt in Scherben, nichts geht mehr, alles ist verloren. Kate Tempest stellt die Beschissenheit der Dinge nicht in Frage, sondern hebt sie explizit hervor – und bietet trotz allen Nihilismus und aller Verbitterung eine Lösung: Empathie. Zuvor erzählt sie in 47 Minuten die Geschichte von sieben Personen, die um 4:18 Uhr wach liegen und an der Welt verzweifeln. Wer auf „Let Them Eat Chaos“ schwere Kost erwartet, liegt also genau richtig. Zwischen absolut zeitgemäßem Conscious Rap und Spoken-Word-Passagen im Stil eines Poetry Slams zieht Tempest ein düsteres Resümee, aber ein winziges Licht am Ende des Tunnels bleibt bestehen. Aus den Scherben wird durch Liebe etwas Neues, Besseres entstehen. Wie schön es wäre, würde sie Recht behalten. (Benedict Weskott)


25

William Ryan Fritch

Clean War

[Lost Tribe Sound]

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Der umtriebige Multiistrumentalist hätte auch noch mit drei weiteren Alben in der Liste stehen können, doch zeigt „Clean War“ die unglaubliche Bandbreite des Musikers, der an der Schwelle zwischen Pop und Ambient wandelt, am besten auf. Rauschhafte Zustände, die er auf neue Ebenen hievt und schmerzhaft schöne Grenzerfahrungen, die sich nicht zwischen U- und E-Musik entscheiden wollen, lassen das Album zerrissen und einheitlich erscheinen. Fritch, der zuvor bei den experimentellen Rappern Sole & The Skyrider Band zu verorten war, schafft mit „Clean War“ eine Art Kammer-Pop, dessen gestaltwandlerische Größe an Ian William Craig oder DM Stith, mit dem er auch schon gearbeitet hat, erinnert. (Carl Ackfeld)


24

Camp Cope

Camp Cope

[Poison City]

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Mehr Katharsis wagen: Beim Hören kann man sich leicht vorstellen, wie Georgia Maq diese Stücke ursprünglich allein auf der Akustikgitarre aufnahm – erst recht, wenn „Stove Lighter“ mit „always alone in my bedroom hoping no one can hear me“ beschließt. Und dann ist da wiederum so ein politischer, persönlich geprägter Song wie „Jet Fuel Can’t Melt Steel Beams“, diese Kritik an körperlicher und sexualisierter Gewalt und ihrer medialen Repräsentation, die am liebsten in hohlen Phrasen am Wesentlichen vorbeidiskutiert. Beides formt sie mit ihrer Band zu mitreißendem Emo-Punk ohne Schnörkel, dafür mit umso mehr Tragkraft. Ein Album bestimmt von Schwermut, Wehmut, aber auch Mut – „cope“ bedeutet schließlich, Widrigkeiten zu bewältigen. (Uli Eulenbruch)


23

Oathbreaker

Rheia

[Deathwish Inc]

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Oathbreaker aus Gent haben mit „Rheia“ einen enormen Schritt getan, die Frage ist nur: wohin eigentlich? Eindeutigen Genreschubladen hat sich das Quartett schon immer gekonnt entzogen, aber auf „Rheia“ ist doch alles noch mehr anders. So verausgabte sich Caro Tanghe beim sehr guten Vorgänger „Eros/Anteros“ noch in wildem, nahezu androgynem, Geschrei, wozu die Band furiosen Blastbeat-lastigen Post-Hardcore an der Grenze zu Blackgaze intonierte. „Rheia“ behält dieses Grundgerüst zwar bei, aber Tanghe hat ihre Singstimme entdeckt. Dadurch entwickelt die Band ganz neue, beinahe zerbrechliche Seiten und schraubt die ehedem schon vorhandene emotionale Wucht in höchste Höhen. (Mark-Oliver Schröder)


22

A Tribe Called Quest

We Got It From Here… Thank You 4 Your Service

[Epic]

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Auch wenn ein Großteil des sechsten Albums von A Tribe Called Quest schon viele Monate vor der Präsidentschaftswahl fertig gestellt wurde, schwingt darin bereits die Wut und Resignation mit, die nicht nur viele Afroamerikaner nach dem Sieg Trumps verspürten. So handelt „We The People…“ vordergründig zwar von Gentrifizierung, doch gleichzeitig klingt der Refrain wie eine Sammlung der Widerlichkeiten, die Trump während seines populistischen Wahlkampfes rausgebrüllt hat: „All you black folks/ You must go /All you Mexicans/ You must go /Muslims and gays, boy we hate your ways.“ Nicht nur die politische Situation der USA, auch der angeschlagene Gesundheitszustand Phife Dawgs, der im März an den Folgen seiner Diabetes-Krankheit verstarb, sorgten dafür, dass sich die Native-Tongues-Mitglieder nach jahrelangen Reibereien noch einmal zusammenrauften. Dennoch ist „We Got It from Here… Thank You 4 Your Service“ kein nostalgischer Blick zurück, stattdessen schauen A Tribe Called Quest auf ihrem letzten gemeinsamen Album durchaus besorgt Richtung Zukunft. (Daniel Welsch)


21

Eluvium

False Readings On

[Temporary Residence Ltd.]

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Auch in diesem Jahr ist auf Matthew Cooper, diesen rastlosen und anscheinend niemals ruhenden Soundtüftler, Verlass gewesen. In einem Genre, das stets in Gefahr steht, sich selbst zu wiederholen, setzte er mit „False Readings On“ erneut ein dickes Ausrufezeichen. Mit gesampelten operatischen Aufnahmen erzeugt er von Beginn an eine Atmosphäre, die so klaustrophobisch und beklemmend ist, dass es schwer fällt, sich wieder von ihr loszureißen. Wenn sich auch noch Drones wohlwollend über die fragilen Texturen legen, so dass vieles verschwimmt und doch nichts im Unklaren bleibt, scheint es tatsächlich so, als ob sich Himmel und Hölle die Hand reichen würden. (Felix Lammert-Siepmann)

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