AUFTOUREN 2016 – Das Jahr in Tönen

40

Bibio

A Mineral Love

[Warp]

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Wozu festlegen, wenn es doch so viele Möglichkeiten gibt? Bibio war nie Freund von Genrezuschreibungen und eingegrenzten Musikwelten. Entsprechend bedient sich sein siebtes Album „A Mineral Love“ hier und da und überall, frei nach dem Motto: „Einmal alles bitte!“ Zwischen melancholischem Elektropop, tanzbaren Breakbeat- und Deep-House-Elementen, verträumtem Jazzpop, aufgekratzter Electronica und fröhlichem Folkpop ist wirklich nichts unmöglich. Dieses Gefühl ist so erbauend wie fordernd, weil das Album eben mit jedem Song eine vollkommen neue Richtung einschlägt. Vor allem ist es aber beeindruckend und bleibt im Gedächtnis. Bibio wird mit jedem Album besser. (Benedict Weskott)


39

Damien Jurado

Visions Of Us On The Land

[Secretly Canadian]

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Die Reise hat ein Ende. Mit seinem diesjährigen Werk beendet Jurado einen Albenzyklus, der 2012 mit „Maraqopa“ begann, mit „Brothers And Sisters Of The Eternal Son“ seine Fortsetzung erlangte und nun mit dem verstiegenen „Visions Of Us On The Land“ einen Abschluß und gleichzeitigen Höhepunkt erfährt: psychedelischer Folk, in 17 kurzen wie kurzweiligen Stücken zu Gehör gebracht und wie durch ein Kaleidoskop betrachtet, in immer wieder neue Zusammenhänge gesetzt. Jurado lässt hierbei zwar seinen lyrischen Protagonisten in den Schlieren seines eigenen Bewusstseins verschwinden, „Visions Of Us On The Land“ ist dennoch geprägt von einer Vagheit, die Neugier schürt und doch die Erwartungen bestätigt. Dass sich die verstiegene Stimme des Sängers nach wie vor hervorragend in die von Richard Swift inszenierte Produktion einbettet, darf dabei ruhig als gelungene Fußnote betrachtet werden. (Carl Ackfeld)


38

Jóhann Jóhannsson

Orphée

[Deutsche Grammophon]

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Man weiß bei Jóhann Jóhannsson nie so genau, ob nun die Landschaft Schwingung geworden ist – oder die Schwingung Landschaft. So elegisch und pathetisch offenbart sich seine Musik, die auf „Orphée“ nicht selten am Grat zum Klassik-Kitsch kratzt. Diese Lieblichkeit in Verbindung mit der Rasanz beunruhiger Untertöne gelingt dem Isländer auf seinem Deutsche-Grammophon-Debüt jedoch so leichtfüßig, dass man sich schnell in genau dem traumwandlerischen Ort wiederfindet, dem die Piano- und Geigenklänge entstammen. Eine watteweiche Parallelwelt mit einem über alle Maßen fantastischen Choralwerk als Schlusspunkt, eine mit Güte eingespielte Musik von einem seit Jahren stark komponierenden Musiker, der in diesem Jahr mit dem Soundtrack zu „Arrival“ gleichzeitig sein wohl schwächstes Album veröffentlichte. „Ophée“ hingegen badet in Erhabenheit. (Markus Wiludda)


37

Golf

Playa Holz

[Styleheads]

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Wer solch glatte Töne anschlägt, sollte diese lieber nicht zu dick auftragen. Wunder über Wunder, irgendwie ist dem Quartett auf seinem Debütalbum eben so ein Balanceakt gelungen. Die Golf-Saiten schwingen mit Sauberklang vom zupfenden Finger zurück, die Golf-Perkussion pingt und pongt staubfrei, die Golf-Synths sind’s in ihrem Aggregatszustandswechsel von perlend nach wolkig sowieso. Hier setzen die Kölner mal stärkere Nu-Disco-Akzente, anderswo eine neckische Kraftwerk-Hommage hin, dazwischen tauchen immer wieder überraschende Trip-Effekte wie im verzogen-taumelnden „Hannover“ oder dem feucht dröppelnden „iPhone“. Vor allem aber bleibt „Playa Holz“ stets in diesem Groove, der zugleich wie ein unscheinbares Lüftchen anmutet und dabei doch zuallermindest zum Kopfwippen bewegt. (Uli Eulenbruch)


36

Mannequin Pussy

Romantic

[Tiny Engines]

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Wenn man sich 2016 im Rückblick ansieht, könnte man zu dem Eindruck kommen, es fände weiterhin ein Paradigmenwechsel statt. Rockmusik tritt immer mehr in den Hintergrund und immer wichtiger werden HipHop oder Soul, am besten noch mit viel Pop. Dies war auch in unserer Redaktion spürbar, daher ist es umso erfreulicher, dass es „Romantic“ in unsere Jahresbestenliste geschafft hat. Hier darf das Herz auch noch für Punk schlagen, der uns teilweise mit einer Dauer von 50 Sekunden um die Ohren geschlagen wird und in anderen Songs – keiner länger als 2:30 – echte Bubblegum-Qualitäten erreicht. Musikalisch purer Spass, textlich nahezu existenzialistisch und im Ganzen natürlich großartig. (Mark-Oliver Schröder)


35

Let’s Eat Grandma

I, Gemini

[Transgressive]

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„And there is something strange in my mind/ and there is something weird in my head“. Man muss sich nicht erst bis zur Selbstdiagnose in „Rapunzel“ durch das Debüt des Duos aus Norwich hören, um zu einer ähnlichen Beschreibung zu gelangen. „I, Gemini“ ist eben ziemlich weird, schräg, merkwürdig, nicht ganz richtig – und auf die angenehmste Art beunruhigend. Es sind Let’s Eat Grandmas verhobene Harmonien wie in „Eat Shiitake Mushrooms“, ein Instrumentarium inklusive leiernder Miniorgel, Saxophon und britisch-traditioneller Folk-Klampfe und gewiss auch die Albtraum-Märchen-Texte, die ihrem ungewöhnlichen Blickwinkel auf Popmusik eine vergnüglich anarchische Würze geben. (Uli Eulenbruch)


34

Deakin

Sleep Cycle

[My Animal Home ]

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Dass die scheinbar unendliche Geschichte um Deakins erstes Soloalbum im April doch noch ein mehr als versöhnliches Ende fand, könnte auch damit zusammenhängen, dass man auf „Sleep Cycle“ vieles von dem findet, was das wenige Monate zuvor veröffentlichte Album seiner (Teilzeit-)Kollegen vielleicht in den Ohren mancher vermissen ließ. Die warmen, zusammengestülpten und in sich gekehrten Strukturen sind dabei viel mehr als nur ein Aufguss früherer Alben von Animal Collective. Die beinahe kindliche Freude, mit der Deakin hier zu Werke geht, befreit von jedem Druck, die nächste große Melodie liefern zu müssen, die es wie selbstverständlich dennoch gibt, wird das Album ganz schnell zum Selbstläufer. (Felix Lammert-Siepmann)


33

Wolf People

Ruins

[Jagjaguwar]

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Psychedelic Rock der 1960er- und 1970er Jahre, gepaart mit verschrobener britischer Attitüde, macht noch längst kein gutes Album. Es muss also noch andere Gründe geben, warum „Ruins“ in dieser Liste auftaucht. Zum einen versteht es die Band grandios, die Mystik der Natur (Mittelpunkt: das dreiteilige „Kingfisher“) und ihrer Heimat zu beschreiben, ohne dabei in allzu billige Klischees zu verfallen – und das trotz der ausgefallenen König-Arthur-Statue auf dem Cover. Zum anderen halten Wolf People für jeden lieblichen Impuls mindestens einen auftosenden bereit, der das Album stets weit und kompromisslos vorantreibt. So wird aus „Ruins“ zeitweise ein wahrer Höllenritt durch Sagen und Naturlandschaften, der geradezu nach einer Fortsetzung schreit. (Felix Lammert-Siepmann)


32

Car Seat Headrest

Teens Of Denial

[Matador]

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„Teens Of Denial“ ist neben „Rot Forever“ von Sioux Falls die Indie-Rock -Entdeckung des abgelaufenen Jahres. Car Seat Headrest verstehen es, verschrobene wie eingängige Arrangements, die tief geschult sind am amerikanischen Indiekanon, mit Verve und Chuzpe zu servieren. Mastermind Will Toledo garniert diese mit ebenso intelligenten wie lustigen Texten, die auch im Refrain schon mal zum Mitsingen einladen. (Mark-Oliver Schröder)


31

Katie Gately

Color

[Tri Angle]

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Ein überaus erfolgreiches Jahr für Tri Angle geht zu Ende. Ein Jahr, in dem sich das Label auch breiter aufstellte: Statt nervöse Beats aus dem musikalischen Abseits zu veröffentlichen, überzeugt die Öffnung hin zum experimentellen Soul (serpentwithfeet) und Art-Pop – wie bei Katie Gately. Deren große Stärke besteht in der mühelosen Verzahnung von Folk, Indie und Elektronik, die sich gänzlich unkonventionell und doch nahbar zeigt, lässt man sich nur darauf ein. Die wundersamen Melodien liegen verbuddelt unter jeder Menge spinnerter Ideen, abseitigen Songwuchses und rumpelnder Verschleppung, die ihr Heil mal in orchestraler Wucht, mal in introvertiertem Schattentheater suchen.Vielleicht liegt es genau daran, dass diesem denkenswürdigen Werk bislang nur wenig Resonanz zuteil wurde. Viel Spaß beim Ausgraben! (Markus Wiludda)

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