Neongrellfastbunt: Das Flow-Festival in Helsinki

Musikfestivals geben auch immer Anlass zu sozialen Studien. So zeugen die großen deutschen Veranstaltungen bisweilen von einem Überbordwerfen zivilisatorischer Konventionen zugunsten von „Helga“-Schlachtrufen, Rumgemucke auf Schnapsbasis und grölendem Desinteresse hinsichtlich dessen, was gemeinhin als Zentrum der Veranstaltungen gilt: die musikalischen Darbietungen. 

Das Flow-Festival erweist sich glücklicherweise als erwachsener, auch wenn sich manch smart gekleideter – und das sind sie alle hier – Zweimeterfinne rücksichts- und entschuldigungslos seinen Weg in die Frontreihe bulldozert. Aufmerksam und wortkarg genießen die knapp 30000 Besucher an jedem der drei Tage die Performances und drücken ihre Anerkennung durch Zurückhaltung an den richtigen Stellen aus. Genährt durch einen Bierpreis nahe der 20-Euro-pro-Liter-Grenze fällt zudem niemand durch Umfallen auf, was zusätzlich zur angenehmen Wetterlage die angenehm unangestrengte Atmosphäre auf dem vielseitig genutzten Industrieareal beflügelt.

Sami Heiskanen

Schon der erste Tag gerät zur Zerreißprobe zwischen dem unbändigen Drang, Neukommer wie Lil B oder Stormzy sehen zu wollen, und der Musikfanpflicht, wenigstens einmal im Leben die inzwischen ledrig schlaffe Oberkörperhaut Iggy Pops bewundern zu müssen. Der eröffnet sein Set mit den Welthymnen  „The Passenger“ und „Lust For Life“, bevor er Zeuge des wohl ersten Stagedivings im Spagat wird und jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um in Kontakt zum Publikum zu treten, was notfalls bedeutet, sich eine rosa Haube aufzusetzen oder die Ordner als Nazis zu betiteln, als sie einen Besucher mittelsanft daran hindern, die Bühne zu erklimmen.

Überhaupt gewinnen die auftretenden Künstlerinnen und Künstler immer dann, wenn ihre Präsenz auch eine körperliche Dimension hat. Dass sichtbare Anwesenheit als verbindliches Element eines Konzertes unabdingbar ist, zeigt sich besonders im Umkehrschluss: ANOHNIs Set sollte eigentlich der krönende Abschluss des musikalischen Dreitagesrausches werden, entpuppt sich jedoch als bizarr ärgerliches Erlebnis einer distanzierten Performance in Vollverschleierung. Bis zuletzt spürt man die Unsicherheit im Publikum, wie das partielle Verschwinden der Künstlerin von der Bühne und das Singen durch eine vor dem Gesicht gespannte Gaze zu bewerten sei. Playback oder nicht? Der erlösende Moment, den zudem die entmenschlichten, ausgehöhlten Beats der Gast-DJs ihrerseits einfordern, kommt nicht und nährt Unzufriedenheit.

samu hintsa
FKA twigs

Massive Attack thematisieren Distanzen auf ihre ganz eigene Art. Um Grenzziehungen, Flucht und Widerstand kreist die wohl eindrücklichste LED-Lichtshow des Festivals – ein Gesamtkunstwerk zur Geschichtsvergewisserung und Aufforderung zur Partizipation, das sich aus verdichtenden Textfragmenten, LED-Dauerfeuer und eben jener typisch hypnotischen Musik gebiert, die seit jeher live gespielt wird. Ein Set, das jedoch spätestens im zweiten Teil zusammen mit Young Fathers leider etwas ermüdend zerfasert. Besser machen es da FKA twigs mit strammer Kopfstimme und die australische Popkünstlerin Sia auf der Hauptbühne, die ihrerseits Tanzchoreografien als energiespendendes und zugleich visuelles Element für ihre überzeugenden und organisch fließenden Shows nutzen.

Begeistert aufgenommen wird in Helsinki sowieso fast jede Band, und sei sie noch so unbekannt: Eevil Stöö, die finnisch singenden Klone von Zugezogen Maskulin, sorgen für krummbeinige Beats und fordernden Rap, das Megalodon Collective für wildwachsende, von zwei Drummern angetriebene Avantgarde und Ian William Craig mit einem Set aus livegesampleten Vokalfragmenten für mystische Enge, die von knackenden Relais passend statisch aufgeladen wird. Vor allem abseits der routiniert aufspielenden Großproduktionen (New Order, Jamie xx, Morrissey oder Chvrches) haben die Festival-Kuratoren ihren enormen Gestaltungsspielraum genutzt und Künstler quer durch die zeitgenössische Popwelt auf die acht mit unterschiedlichen Schwerpunkten besehenen Bühnen gebucht – immer im Wissen darum, dass eine derartige Offenheit auf Aufgeschlossenheit seitens des Publikums trifft. Im offenen Koordinatensystem der Qualität laden alsdann experimenteller Pop , Balearic House, Avantgarde und abstrakte Beats zu Entdeckungen ein. Eine dieser glücklichen Fügungen ist das Set Moa Pillars aus Russland, der schwarzen Industrialtechno im Würgegriff darbietet – wirkmächtig, unendlich dreckig und mit dämonischem Noise aufgeladen. Ebenso überzeugen Liima, im Regencape aufspielend, die sich nie zu ernst nehmen, als sie die Songs ihrer Debütplatte sorgsam jeder Hitqualität entledigen und vollkommen dekonstruieren, was die Anwesenden jedoch nicht ernsthaft zu irritieren vermag.

konstantin kondrukhov
Thundercat

Nicht zuletzt sind es aber doch die erwarteten Highlights, die nicht enttäuschen. Wie die Band um Kamasi Washington ihren Spaß an der Versöhnung von Jazzgeschichte mit der Jetztzeit zelebriert, gehört zu den großen Errungenschaften dieses sympathischen Kollektivs. Zudem gesteht es allen Musikern ihren Raum zu, was besonders die beiden Schlagzeuger mit einem zehnminütigen Drumtalk und Kontrabassist Miles Mosley (furios: „Abraham„) für sich zu nutzen wissen. Beinahe zur Nebensache gerät dabei die Tatsache, dass Thundercat am Bass sich für Kamasis Einlage bei seiner ebenfalls tollen Show zwei Stunden vorher revanchiert. Überhaupt scheint die 360°-Bühne zum Lieblingsort zu erwachsen, nachdem dort der Klangforscher Laraaji spirituell-experimentelle Zwischenorte befragt und abends der bestens aufgelegte ghanaische Künstler Ata Kak nach seinem jahrzehntelang währenden Dornröschenschlaf seine infektiös-stumpfen Highlife-Rhythmen unter die bereitwillig tanzende Masse schleudern darf.

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Dass sich das Flow als kluges Gesamtpaket versteht, lässt sich zudem am queerfreundlichen und gendergerechten Booking ablesen: Auch wenn die gesamte Musikszene weiterhin männlich dominiert ist, stehen erfreulich viele weibliche DJs an den Mischpulten. Bei The Black Madonna geht auf dem gnadenlos überfüllten Resident-Advisor-Backyard gar nichts mehr und Paula Temple liefert kompromisslos im laserzerberstenden Technodrom ‚Voimala‘.

Mit dieser schier kaleidoskopischen Fülle ist das Flow-Festival eine echten Alternative zu den vielen übergroßen und musikalisch eher uninteressanten Festivals für diejenigen, für die ein recht kostenintensiver Ausflug (Flug, Übernachtung, Eintritt und hochpreisige Verpflegung durch eine Vielzahl exzellenter Streetfood-Caterer) im Bereich des Machbaren liegt. Ein weiterer Pluspunkt: Während viele deutsche Festivals dieses Jahr unter Wetterkapriolen und Schlammwüsten zu leiden hatten, verzichtet das Flow seit jeher auf Campingmöglichkeiten, was der fußläufigen Erreichbarkeit von der Innenstadt her geschuldet ist. Ein gut ausgeschlafenes Publikum und eine sorgsame Organisation verhindern jegliche Konflikte, die schon so manche Festivalerfahrung ins Negative haben kippen lassen. Und so kann man auch noch ausgelassen zum nächtlichen Postpop Holly Herndons tanzen, die zu irrwitzigen Live-Animationen ihre messerkantigen Beats mit Neonglitter überzieht und keinen Zweifel daran lässt, dass das Flow-Festival die Zukunft dessen ist, was dort passiert.

Fotos: Sami Heiskanen, Samuli Pentti, Samu Hintsa und Konstantin Kondrukhov (Flow Festival)

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