„Denn alles, was gedacht wird, ist überflüssig. Die Natur braucht das Denken nicht, […] nur der menschliche Hochmut denkt sein Denken ununterbrochen in die Natur hinein.“ Wenn Thomas Bernhard in seiner Erzählung „Gehen“ die Grenzbereiche von Interaktionsprozessen zwischen Körper und Geist untersucht und letztlich feststellen muss, dass jegliches Denken in einem Zer-Denken und Zu-Weit-Denken endet, letztlich einem Verrücktwerden im Sinne geistiger Instabilität, dann mögen im Umkehrschluss das Fühlen und die natürliche Intuition als Auswege gesehen werden. Zwei Parameter, die längst das Schaffen Hendrik Webers alias Pantha Du Prince abstecken und sich weitreichend auch auf „The Triad“ wiederfinden lassen – einem Album aus zehn Stücken, die Weber alle jeweils zu dritt mit wechselnden Mitspielern produzierte.

Wer bereits die vorhergehenden Werke kennt, wird sich schnell auch in dieses Konvolut von Bimmeltechno und Bio-Beats einfühlen. Darum geht es ja schließlich: Kontrolle und Loslassen. Der Promotext stilisiert das Album sogar zu einem Opus Magnum, das aus den spannungsreichen „Unvorhersehbarkeiten sozialer und technischer Interaktion“ geboren ist, was nur meinen kann, dass die Kollaborationen der drei auch Fragen nach dem gangbarsten Weg aufgeworfen haben. Sie wurden anscheinend alle im Sinne eines Minimalkonsenses beantwortet, bei dem der Hauptakteur notfalls auch noch das letzte Wort hat. So klingt „The Triad“ statt nach großen Veränderungen und Hokuspokus durchweg wie ein waschechtes Trademark-Pantha-Du-Prince-Album.

„Lichterschmaus“ erinnert nicht bloß durch die nonchalante Namensgebung an die Herren Wruhme oder Eulberg, sondern auch von der Assoziationsdichte her. In diesem Fall wird akustisch auf eine Horde Glühwürmchen verwiesen, die sich dem auratischen Wettkampf gegen eine ausgewachsene Aurora Borealis im Endstadium verschrieben hat. Ein schöner Song! Auch die ganz wunderbaren „You What? Euphoria!“ und „Frau im Mond, Sterne laufen“ mischen mit im großen Reigen um die feinstziselierte Sommersonnenwenden-Technohymne des Jahres, wenn sie zum Ende dann besonders glitzerperlig auftrumpfen. Der Aufbau der Tracks folgt oftmals einem bewährten Schema und gefällt sich dabei zunächst im vorsichtigen Anpirschen und Ankommen, bevor dann Klänge so aufeinander geschachtelt werden, dass das Schwebende in Bewegung übergeht und letztlich entweder ein finale furioso folgt – oder drittklassige Sänger, unter anderem Weber selbst, mit Pathosmelodien und spürbarer Anstrengung in der Stimme den Song versauen. Oftmals helfen nicht einmal die Vertuschungsversuche, diese Stimmen beschämt in den Hintergrund zu mischen. So empfiehlt es sich vorsorglich, bei „Dream Yourself Awake“ rechtzeitig die Reißleine zu ziehen und während „In An Open Space“ die Grünkernbratlinge ausgiebig in der Küche zu wenden.

Der Rest des Werkes fließt jedoch über weite Strecken wunderbar organisch in die Ohren und eignet sich besonders für den schummrigen Moment der Tag- und Nachtgleiche, wenn alles endet und beginnt und man mit einem neuerlichen Melancholieschub einfach weitertanzt.  Auf „The Triad“ werden Übergänge verwischt und Samples, Loops und Geräusche erst vaporisiert und dann über die sanft abgerundeten Beats verstreut, ohne dass die detailreiche Bastelei in einem Zuviel endet. „Lions Love“ zerrt dabei ein wenig mehr als gewohnt und gibt sich für einen kurzen Moment sperrig und drängend, bevor „Islands In The Sky“ mit frechem Offbeat-Geklacker und digitalen Kolibri-Schreien überzeugt, bevor es mal wieder Zeit ist, nach den Grünkernbratlingen in der Pfanne zu schauen.

Neben Analogbässen darf im Abschlusstrack „Wallflower For Pale Saints“ sogar eine Sehnsucht versprühende Akustikgitarre samt Panflöte ran, was dann doch deutlich wahrnehmbar eine Grenzerweiterung im Kosmos von Pantha Du Prince markiert. Im lustigen Promosprech wird daraus ein philosophischer Zustand des „mechanical romanticism“, in dem die „sture Unterscheidung zwischen Technologie und Natur“ aufgelöst wird. So gibt es zweierlei Möglichkeiten, dem Album ein Fazit abzugewinnen. Einerseits mag es als verkopfter Kommentar zu alternativen Lebensformen und biotechnologischen Interaktionsschnittstellen lesbar sein, andererseits als gewohnt anschmiegsames Geplucker, welches das Fühlen allzu leicht macht – weil hier Beats einmal mehr ihren Naturzustand erreichen.

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