Wer von ungefilterter Mainstreamsoul-Gefühligkeit die Ohren voll hat, darf sie dieses Mal nicht in Richtung James Blake richten, denn mehr bedächtiges Stimmschreiten zu Flächensounds und schmalziger Sämigkeit war bei ihm nie. James Blake liebt, bricht und leidet öffentlich. Das ist manchmal ergreifend, manchmal nur schwer zu ertragen: „I’d rather you choose me/ I know there are places that I can’t go with you/ Have I?”, heißt es in der Verzweiflungstat „Choose Me“ im mittigen Nirgendwo des Albums, in eine Wolke aus verzehrender Sehnsucht einstimmend, die wie schwerer Nebel aus Vollsentimentalität auf dem ganzen Werk liegt.

Die charismatische Formel, die auch auf „The Colour In Anything“ ständig wiederholt wird, ist inzwischen bekannt – aber was soll Blake auch sonst machen, als musikalisch wie textlich eng an seinem Sujet zu bleiben? Die Beats rollen mit freundlichen Purzelbäumen über mit digitaler Kuchenrolle fein ausgebreitete Synthesizerflächen und gefallen sich in ihrer Choreographie, die auch in der Gleichzeitigkeit von Musik und Text eine Entsprechung findet: harmonische Gebrochenheit in Moll. Wer Blake kennt, weiß, wie er dazu auch Klavier spielt: immer etwas verschleppt, Töne verschluckend und Melodien über den Abgrund schubsend – immer dann, wenn es zu offensichtlich wird. Und das wird es eigentlich ständig.

Auch dieses Werk ist im sicheren Bewusstsein geschrieben, dass es das Fehlen und der drohende Verlust sind, die eine Begebenheit ambivalent, aber umso intensiver machen. Blake mischt so vorwiegend Schwarz an und verschüttet das getrübte Wasser wie fiesen Londoner Regen über sein Album. Dazu die ganz großen Gefühls- und Empathiethemen, mit einer überstreckten Melismatik – das so typische Zerdehnen einer Silbe über etliche Tonhöhen – vorgetragen, die wahlweise in der Kopfstimme oder im Autotune-Vocoder endet. Der kitschige Titeltrack ist das Paradebeispiel für eine Platte, die sich anfühlt wie ein Kondom über den Ohren: anschmiegsam und etwas glitschig: „You must not be trying like I’m trying […]/ And how I loved your story/ How I wanted to follow you and paint it“.

Got it, James.

Ihm selbst scheint aber an Nachdruck gelegen. Ganze siebzehn Tracks finden sich auf seinem Drittwerk, das sich konsistenter zeigt als der etwas zerrissene Vorgänger, auf dem deutlich mehr direkte Hinhörer zu finden waren. Mit dem exzellenten Eröffnungsstück „Radio Silence“ startet das Album elegant. Es ist ein typischer Blake-Song, der noch nach zwei Minuten melodisch überrascht und die musikalische Trägerfläche so stimmig aufbaut, dass der Vorwurf der Effekthascherei ein absurder wäre. Überhaupt ist die Zurückhaltung seit jeher das große Plus seiner Musik, die fließt und gefriert, überblendet und dabei so viele Lücken reißt, dass oftmals ein kaum wahrnehmbarer Fluss an Kullerbeats und einem Nachhall die nötige Schwingung in einem statischen Meer aus Leere erzeugt. Während seine früheren Werke in ihrer Sparsamkeit als Hommage an den Minimalismus eines Terry Riley gelesen werden konnten, ist „The Colour In Anything“ poppiger, ohne Gefälligkeit vorzuspielen. Es demonstriert Blakes Gespür für die innere Balance von Songs, die zwischen Angestrengtheit und majestätischer Ausgeglichenheit changieren. Selbst bei leicht experimentelleren Tracks wie „Put That Away And Talk To Me“ bleibt das Gesamtgefüge gewohnt stimmig, auch wenn der massive Einsatz von Autotune spätestens in jedem zweiten Song zu nerven anfängt. Eine der Ausnahmen bildet das pathetisch-zarte „Meet You In The Maze“ als Abschluss (die vorab angekündigte 20-minütige Version des Stücks findet sich auf dem Album nicht und wird sicherlich später nachgereicht), ein gänzlich distanzloser Zucker, ein reines Vocalstück mit einer Melodie, die man sich auch gut auf dem nächsten Bon-Iver-Album hätte vorstellen können. Passend dazu mischt Justin Vernon mit „I Need A Forest Fire“ auch auf einem der stärkeren Titel mit.

Letztlich ist es aber eine Blake-gesättigte, fast Blake-beseelte Musik, die der Engländer auf „The Colour In Anything“ präsentiert. Jeder zweite Track überschreitet bewusst die Grenze zum romantischen Kitsch, der sich wie bei „My Willing Heart“, welches zusammen mit Frank Ocean geschrieben und mit digitalen Geigen und Bläsern ausstaffiert wurde, als Prinzip versteht und diese Verletzlichkeit öffentlich verhandelt. Dass sich James Blake für konzentrierte Gefühligkeit entscheidet, das Album als stimmiges Gesamtes präsentiert und Experimente und Innovation erstmalig etwas ausblendet, kann man da bloß konsequent finden. Oder halt etwas langweilig.

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