AnenonPetrol

Vor knapp sieben Jahren dudelte sich eine Firma in die Pleite, nachdem sie über 50 Jahre daran geschraubt hatte, als Synonym für Fahrstuhlbeschallung in die Geschichte einzugehen. Muzak war Begleitmusik für den akustisch möglichst ungestörten Einkauf und nichtige Atmo-Berieselung für kapitalistische Seelen. Dass sie letztlich überflüssig war, nachdem das Formatradio diese Funktion nur allzu chamäleonhaft adaptiert hatte, ist ein Schicksal, an dessen Anteilnahme man nur bedingt schwer zu tragen hat.

Anenon als bloße, instrumentale Hintergrundmusik abzutun, würde dem Schaffen von Brian Allen Simon nicht gerecht werden. Sein Drittwerk „Petrol“ ist eher eine Ansammlung dessen, was die Kaufhauslautsprecher dieser Welt beobachten: Ein Sammelband situativer Erinnerungsfetzen, ein Meta-Muzak-Album, ein akustischer Kommentar. Leichtgängig ist das allerdings jederzeit. So verwebt der Amerikaner traumwandlerischen Elektro-Pop mit philosophischem Jazz, was jedoch eher jenen Gedankansätzen gleicht, die man im betrunkenen Zustand achtlos geboren hat und glücklicherweise verwahrlosen lies. „Machines“ ist einer derjenigen Tracks, die aus diesem Ambient für Fortgeschrittene herausstechen, weil sie mehr sind als bloße Beobachtung. Anenon greift ein, greift Stimmungen auf. Er konstruiert eine Art Soundtrack des Alltags, der in diesem speziellen Fall eher nachdenklich denn überschwänglich euphorisch daherkommt – ein brüchiger Stilmix, dessen Ursprung im musikhistorischen Sinne kaum zu eruieren ist, so vielschichtig verschwimmen krautige Anleihen, sehnsüchtige Wagnisse, analog und digital zu einer suppig-süffigen Melange.

Je weiter man vordringt, desto weniger Gefälligkeit vernimmt man; die Eigenarten gewinnen Überhand und werden von Anenon mehr und mehr zum Leben erweckt: Bassklarinette trifft Saxophon und beide verschwimmen in unendlich weitem Hall. Das mit ordentlich Wattenachklang ausstaffierte „Panes“ ist ein flattriger Dämon, eine zarte Idee, eine Melodie, die mit Leichtigkeit Eindruck schindet. Entweder es berührt – oder eben nicht. Aber „Petrol“ schickt sich an, in der Reihe von kühl-melancholischen Alben wie Tychos Debüt zu stehen. „Hinoki“ verzichtet gar auf digitalen Schnickschnack und gefällt in seiner Reduktion und Skizzenhaftigkeit, die nicht weiter auffiele, würde man nicht genau hinhören. Nur wenige Songs schaffen es, aus dem Rahmen zu fallen – so der hektische Titeltrack, der eine Rastlosigkeit abbildet, die über dem charmanten Verständnis liegt, dass das Leben ein taumelndes ist.

Die meisten Stücke des Albums kommen einem nur bis zur halben Strecke entgegen. Sie bleiben unvollständig, manchmal etwas eigenwillig angeschrägt, was „Petrol“ eine ganz eigene Aura verleiht und Assoziationen freischwingt: Zwischen einem anheimelnden Gefühl von Verlassensein und nostalgischem Jetzt, romantischer Tragik und Expeditionen ins Bekannte bewegt sich „Petrol“ auf einem interessanten Terrain, das viele begeistern wird. Ein fein beobachtendes Werk, das den Faden aufgreift und zurückspiegelt. Als Widerhall von Muzak, der sich letztlich als das Gegenteil gebiert.

Ein Kommentar zu “Anenon – Petrol”

  1. Markus sagt:

    Wer das Album hier mag, sollte auch in das neue Ishmael-Werk reinhören: https://www.kudosrecords.co.uk/release/church008/ishmael-sometime-in-space.html

    Sehr empfehlenswert.

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