Yen TechMobis

„Cold light, reflected off the body armour“, plärrt eine roboterartige Stimme im ersten Song und stimmt damit auf eine Narration ein, die Realität und Virtualität zu verschränken versucht: Mit „Mobis“ gelingt Yen Tech ein bemerkenswertes Konzeptalbum über fluide Identitäten, das mit einem fauchenden Trap-Spektakel im Blockbusterformat endet. Ein perfides Spiel zwischen digitalen Prozessen, konstanter Transformation und apokalyptischem Unbehagen. Erschreckend unmittelbar, zeitgeistig und kaleidoskopisch überfrachtet.

Im Anblick von HD-Fernsehern und Lo-Fi-Amateurvideos, im Spiegel dessen, was porentief sichtbar oder auch nur in der ästhetischen Korruption der Verwackelung gänzlich zu vermeintlicher Authentizität taugt, sind nicht erst seit James Ferraros „Far Side Virtual“ die kulturellen Erzeugnisse immer gleich mit Thema der musikalischen Konzeption. Während der Archäologe Oneohtrix Point Never sich an den Readymades der Werbeindustrie und hauntologischen Konzepten der Zeitlichkeit von Musik abarbeitet und die Elektro-Seziererin Fatima Al Qadiri auf ihrem aktuellen Werk „Brute“ etwas bemüht Eisfach-Beats mit politischer Aufladung versieht, wählt Yen Tech die Impersonifizierung, also das Hineinschlüpfen in andere Rollen, als roten Faden seines musikalischen Outputs. Entlehnt ist dieser Begriff aus dem IT-Bereich, dem Wechsel des Benutzerkontexts im laufenden Betrieb. Es ist die konsequente Ko-Existenz der Möglichkeiten und der stets neu zu definierenden Selbstverortung, die damit einhergeht. Fluide Identitäten als Zustandsbeschreibung unserer Zeit.

Yen Tech bricht so entsprechend auch die oftmals beschworene Einheit zwischen Autor und rappendem lyrischem Ich auf, die im HipHop für die nötige Überzeugungskraft und Realness sorgt. Auf seinem Debütalbum agiert der New Yorker als Künstler, der Rollenbilder und Geschichten anbietet und inszeniert sich nicht als kultische Person selbst, was weitere Freiräume schafft. Das neugeschöpfte virtuelle Selbst von Yen Tech ist ein Abziehbild des profund Brutalen, das sich in der Rolle des blinden Neinsagers gefällt: „Mobis“ erzählt vom Aufstieg einer virtuellen Figur im Lichte von Ignoranz, Korruption und Rücksichtslosigkeit. Und was würde sich als Signatur der Postmoderne dafür besser eignen als HipHop, dessen Signifikanz in der global allgegenwärtigen Kulturproduktion als sinnbildlich gelten kann?

Der Panzer ist dabei das symbolische Leitmotiv einer Figur, die alles Menschliche ausblendet und erst so zur Gottheit heranreift. Das darf durchaus auch als Seitenhieb gegen aktuelle politische Tendenzen in den USA wie auch in der Rapszene gelten, wo Frauen Bitches sind und Emotionen als Monstranz des Verweichlichten abseits in der verbotenen Zone stehen: Willkommen in der dystopischen Welt des Yen Tech, deren Referenzrahmen zwischen Gamingkultur, Politik, Rapshow, Selbstinszenierung und technologischer Beschau eine Gesamtschmelze erzeugt, die am ehesten als posthumanistischer Sci-Fi ausgedeutet werden kann. Die offensichtliche Verschränkung, welche aus der Parallelität von musikalischem Theater und technischer Möglichkeit hervorgeht, betont besonders die Virtualität: Die Identität wird zum Produkt, zum Avatar; die Projektion und die eingelöste Erwartung sind die Gradmesser dessen Erfolgs. Die Ununterscheidbarkeit von falsch und richtig, von real und virtuell wird auf „Mobis“ show-off-mäßig ausgeblutet.

Passend dazu klirrt die Produktion von ADR, der von Brood Ma bis Lotic genau zugehört hat und seine elektronischen Sperenzchen mit einer ordentlichen Portion Trap würzt. So bietet er eine zukunftstaugliche Ersatzästhetik an, die sich auch selbst in der Selbstüberhöhung gefällt und unauflösbar mit dem eigenen Inhalt verschmilzt. „Armored Core“ generiert nihilistischen Trap mit Schnappatmung, gefolgt von paranoiden Beats und Tracks mit grenzwertigem Psytrance. Alles scheint lose zusammengehalten von einer futuristischen Ästhetik, für deren gegenwärtige Ankunft Produzenten wie Rabit und Künstler wie Future jedoch bereits vorgearbeitet haben. Vieles wirkt rasant und doch inzwischen bekannt, sodass interessanterweise die Zukunft nur noch als Phantom im bereits Eingetroffenen existiert. Für eine Ruhepause im Rastlosen sorgt „Lotus“, das mit einem sehnsüchtigen Klavierintro beginnt, sich aber schnell in hymnischem Singsang verliert und nach und nach sorgsam lädiert wird, bis alles unrund nur noch vor sich hin eiert. Den Rest erledigen Massen an Autotune.

Dass dieses Album so wirkmächtig seine Position einnimmt, ist nicht zuletzt dem durchaus unironischen Grundton zu verdanken. Analog zu Filmen wie „Mad Max“, die gerade durch das Fehlen einer selbstreflektorischen Metaebene der eigenen Ironisierung ihre Präsenz generieren, stillt „Mobis“ ein ebenso blockbustermäßiges Verlangen: Es ist eine Rapshow, eine permanente Inszenierung, deren Fake-Charakter man stets zu vergessen imstande ist. Bis man merkt, dass genau das mehr über unser Leben aussagt, als einem lieb sein darf.

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