AUFTOUREN 2015Geheime Beute

AUFTOUREN 2015 - Geheime Beute

(Das Beste? )Zum Schluss: Die Listen sind gemacht, die besten Plätze besetzt, doch kommen auch dieses Jahr wieder oft die schönsten Töne aus den hinteren Reihen. Daher möchten wir euch über die nächsten beiden Tage eine Auswahl von besonderen Empfehlungen machen. 30 eher weniger bekannte besondere Alben, für die es in unserer Jahresendliste dann doch zu eng wurde, die wir das ganze Jahr über zu rezensieren versäumt oder gar bisher ganz übersehen hatten. Viel Spaß mit der Geheimen Beute:


Domenique Dumont – Comme Ça [Anti Note]

Ohne großen Hype entwickelte sich der ultraweiche Strandpop des lettischen Duos zur Überraschungssensation des Jahres – auch deswegen, weil seine Reize nicht sofort deutlich werden. Gerade die Unschärfe und unterschiedlich vergilbte Klangqualität enthüllen erst langsam ihre unwirkliche Wirkung, wo anfangs nicht klar ist, inwieweit das Niedrige-Bitraten-Flimmern in „Un Jour Avec Yousef“ oder der verrauschte Unterwasser-Sound von „La Bataille De Neige“ absichtlich fehlerhaft sind. Doch die beiden Eröffnungssongs stellen mit zartem Gesang über locker dahintreibendem Groove neben sanftem Pop-Appeal auch das formidable Perkussionsgespür hervor, das diese Hängematten-Musik so dauerhaft anschmiegsam macht. (Uli Eulenbruch)


Moonlit Sun – Passages [Night Of Solitude]

Das Eröffnungsstück „Subterranean Passage“ heißt so, wie sich die Musik anhört. Langsam setzen sich scheinbar riesenhafte Maschinen in Bewegung, Pleuelstangen heben und senken sich und hartes Metall trifft auf dumpfe Wellenbewegungen. Aus unzähligen Texturen, die er im eigenen Studio aus Haushaltsgeräten und anderen musikfernen Utensilien herausarbeitet, erzeugt Jason Mauricio eine industrielle Avantgardemusik, die Lärm in lautmalerische Bilder verwandelt und Geräuschen Puls und Rhythmik verleiht. Monotonie wird zum Stilmittel wie in „Wind Meditation“, Katharsis Baustein für die zischende Fabrikhallensymphonie „Winter Factory“. Verfremdete Field Recordings für technoide Freaks – und das ist durchaus als Kompliment gemeint. (Carl Ackfeld)


Julien Baker – Sprained Ankle [6131]

„Wish I could write songs about anything other than death“, klagt Julien Baker, dabei behandeln die neun Songs ihres Debütalbums eigentlich das Gegenteil. Doch wenn die 20-jährige Songwriterin aus Memphis, Tennessee auf „Sprained Ankle“ über das Leben singt, klingt das meist so endgültig, traurig und brutal, als sei eigentlich der Tod gemeint. Für ihre Geschichten über Drogenmissbrauch, schmerzhafte Trennungen, Selbstzweifel und das Hadern mit Gott benötigt Baker oft nur wenige Worte und eine Gitarre (oder ein Klavier). Denn obwohl „Sprained Ankle“ in Matthew E. Whites Spacebomb Studios in Richmond, Virginia entstand, die für geschmackvolle, üppige Arrangements bekannt sind (zum Beispiel auf dem Debütalbum von Natalie Prass), wirken die Songs eher wie intim-fragile Demos. „Sprained Ankle“ tut weh, spendet aber auch immer wieder Trost. (Daniel Welsch)


We Lost The Sea – Departure Songs [Translation Loss]

Mitten im heißen Juli 2015 erschien dieser musikalische Aufbruch der Band We Lost The Sea. Diese war zuvor noch eine durchaus umtriebige und bekannte Post-Hardcore-Gruppe, musste sich aber, nachdem sich ihr Sänger und Texter vor zwei Jahren das Leben genommen hatte, völlig neu erfinden. Die Australier beschlossen, ohne Sänger weiter zu machen. Mit „Departure Songs“ haben sie eine sehr schöne, bisweilen herausragende Postrock-Platte veröffentlicht, die sich auch hinter den Größendes Genres wie Mogwai nicht verstecken muss. Im Gegenteil: Dieses Album steckt voller erhabener Momente. (Mark-Oliver Schröder)


Barleaux – W Y L D D E S ! R E [Afternoons Modeling]

Du magst Pop und leicht angeschrägten Indie-Folk? Barleaux alias Hillary Richmond schafft es hier an den großen Heilsbringern vorbei und überzeugt – leider aber auch an der öffentlichen Wahrnehmung vorbei – mit nichts weniger als einem der sympathischsten Alben des Jahres. Immer mit absolutem Zug zur Melodie entwirft sie so organische wie originelle Stücke wie das entwaffnend herzerfrischende „Say Goodbye“. Luftig, gerne auch ein wenig ätherisch wie in der ersten Single „Fire“ lässt sie Sehnsuchtsmomente durch abgetönte Trompeten darstellen, schreckt aber auch nicht vor modernem und minimalistischem Sounddesign zurück. Und hat mit „Windows“ (nicht nur) einen Hit im Gepäck, der in einer besseren Welt die Chartspitzen in aller Herren Länder erobern muss. (Carl Ackfeld)


Insect Ark – Portal/Well [Autumnsong]

Dass Dana Schechter es perfekt beherrscht, dunkle Töne in noch dunklere Abgründe stürzen zu lassen, hat sie zuletzt mit ihrem Projekt Bee And Flower unter Beweis gestellt. „Portal/Well“ setzt Schechters Ideen und Einsamkeit und Leere jetzt noch einen kleinen Schritt eindrücklicher um. Repetitiver Doom und knisternde Drones, sonderbar verschränkt mit Drums aus dem PC überziehen das Album konsequent und mit einer geradezu greifbaren Radikalität. Hier macht sich deutlich bemerkbar, dass Schechter eine Zeit lang mit Michael Gira zusammengearbeitet hat. Mit der beklemmenden Weltuntergangsstimmung der letzten beiden Swans-Alben kann auch „Portal/Well“ mithalten, nur geschieht hier vieles nicht explosiv und ruckartig, sondern wie in Zeitlupe, was den Effekt nur noch zusätzlich verstärkt. (Felix Lammert-Siepmann)


Howie Lee – Mù Chè Shān Chū [Alpha Pup]

Der gebürtige Chinese Howie Lee bringt auf seinem Debütalbum „Mù Chè Shān Chū“ Musik zusammen, die nicht diametraler versetzt liegen könnte. Nach Stationen in London und Taipei verdichtet er nunmehr in Los Angeles lebend Alltagsgeräusche, hypermoderne Klangarchitektur und traditionelle chinesische Musik zu einem retrofuturistischen Konglomerat, das mit unbedingter Detailverliebtheit aufwartet. Alles flirrt, fließt und scheint die Gegensätzlichkeiten des modernen Chinas bis ins kleinste Detail aufzubrechen. Schlagwerke perlen oder prasseln und exotische Streicher wetteifern mit den bis zur Unkenntlichkeit nach oben oder unten gepitchten Gesangsspuren um die Wette. Dabei entsteht vom eröffnenden Gong-Dub „The Gate“ bis hin zum vorwärtsgewandten und in seinem Eklektizismus das ganze Album widerspiegelnden „Shang“ tanz- oder erfahrbare Bassmusik, irgendwo an der Grenze zwischen Trap, Hip-Hop und Dub Step. (Carl Ackfeld)


Kill The Vultures – Carnelian [Totally Gross National Product]

2015 war ein gutes Jahr für Grenzgänge zwischen Rap und Jazz. Für „To Pimp A Butterfly“ lud sich Kendrick Lamar zahllose Jazzmusiker wie Robert Glasper, Kamasi Washington oder Terrace Martin ins Studio, Ghostface Killah nahm „Sour Soul“ mit dem Jazztrio BADBADNOTGOOD auf und auch Kill The Vultures aus Twin Cities bewegen sich mit „Carnelian“ zwischen diesen beiden Polen. Mit den Klängen von Holz- und Blechbläsern, Streichern und Schlaginstrumenten erschafft Produzent Anatomy (Stephen Lewis) auf dem vierten Album des Duos Instrumentals, die zwischen der Eleganz von Cocktail-Jazz, der flirrenden Spannung von orchestraler Filmmusik und der Hektik von Free-Jazz-Eskapaden schwanken. Die unheimlichen und bedrohlichen Zwischentöne der Musik greift MC Crescent Moon (Alexei Casselle) auf und verarbeitet sie in abstrakten und düsteren Texten. (Daniel Welsch)


Home Blitz – Foremost & Fair [Richie / TestosterTunes ]

Daniel DiMaggio macht janglig hellen Power-Pop für Menschen, die Rockmusik nicht nur in studiogeschliffenem Sound fürs Radio und in großen Konzerthallen erleben wollen. Ist sein drittes Album als (beziehungsweise mit der mittlerweile vollwertigen Band) Home Blitz vergleichsweise sauberer im Sound als frühere, behält sie dennoch ihre „in der eigenen Garage aufgenommen“-Rappeligkeit und wirft gelegentlich Querschläger wie die Verzerrer-Ballade „The Hall“ ins Getriebe. Jenes Getriebe besteht dafür aus Hooks und catchigen Riffs noch und nöcher, die DiMaggio am liebsten in zweiminütigen Songparaden aneinanderreiht, ohne dass das Ohr eine Sekunde Zeit hat, sich nicht an mindestens einer Melodie zu erfreuen. (Uli Eulenbruch)


Red River Dialect – Tender Gold And Gentle Blue [Hinterground]

Es ist das sanfte, virtuose Gitarrenspiel, das die reinen und kontemplativen Folksongs von Red River Dialect ausmacht. Instrumentale Perlen wie der Sommerhauch „Child Song“ wechseln sich mit träumerischen Psych-Fantasien ab. Geigen-“Drones“ durchziehen nicht nur das hinreißend nach Incredible String Band klingende „Amelia“ und die akzentuierte Stimme David Morris‘ verwandelt die einfachen Melodien in zauberische Wesen, die dessen cornische Heimat, sehnsüchtelndes Fernweh oder daran verblassende Erinnerungen wiederaufleben lassen. Besonders im überlangen „Ring Of Kerry“ entsteht so eine ansteckende Sogwirkung, die sich fast mantraartig in den Köpfen festzusetzen scheint und nach und nach eine Art Schwebezustand verursacht. Gemeinsam mit einigen Könnern an ihren Instrumenten (unter anderem Nathan Salsburg) entsteht mit „Tender Gold And Gentle Blue“ eine spannende archaische Reise in die britische Folkvergangenheit. (Carl Ackfeld)

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