AsbjørnPseudo Visions

Eine Pseudo-Vision. Was soll das sein? Laut Asbjørn Toftdahl beschreibt der Begriff „die intensivsten Momente, nach deren Ende die Frage bleibt, ob sie real oder eine Art träumerischer Einblick waren“. Da baut sich also jemand seine eigene Welt zusammen. Ein sehr spezieller Pop-Entwurf ist es, den Toftdahl seit zwei Jahren Stück für Stück in Form von Singles, EPs und eindrücklichen Videos wie dem maximal intimen Clip zu „The Love You Have In You“ auf die Social-Media-Kanäle schickt. Gar nicht mal so pseudo-visionär, sondern komplex, ausgearbeitet und durchproduziert bis in die letzte Subdominante. Aber oft genug auch wirklich schwer zu entschlüsseln und nicht unbedingt direkt zugänglich für jegliche Hörgewohnheiten.

Zu Beginn des Albums zielt „Scandinavian Love“ mit sexy gehauchter Stimme und schnörkellosen Synthies aus Asbjørns Berliner Wohnzimmer direkt auf die Repeattaste im Kopf. „None of them made you cry like I will/ None of them broke your heart like I will“, droht Asbjørn ohne Rücksicht auf Verluste. Die einer Spoken-Word-Passage vorgeschobene Zeile „When you’re in love with someone, it’s a pseudo vision“ erklärt dann auch, was Toftdahl eigentlich mit diesen Pseudo-Visionen meint.

In knapp fünfzig Minuten ist der Däne um Pathos und Drama alles andere als verlegen. Das thematische Spektrum dekliniert Verlassen, Verlassenwerden, Lieben und Geliebtwerden sowie generellen Herzschmerz in allen erdenklichen Formen durch. Songs wie „Brotherhood“ lassen vor biografischen Details fast rot werden, auch wenn sie vielleicht gar nicht aus Toftdahls eigenem Leben schöpfen. Reimende Songzeilen scheinen hier komplett überbewertet und auch erkennbare beziehungsweise konsistente Rhythmusstrukturen etwas für Anfänger zu sein. „Kiddo“ wechselt mitten im Song von rhythmisch komplett undurchsichtiger Ballade und Lyrics wie „When I’m looking for trouble, I follow you“ auf volles Tempo, einen minimalistischen Beat und textlosen Gesang.

Spätestens ab „R Y B“, das eine Struktur ebenfalls nur erahnen lässt, ist klar, dass sich hier das Konzept versteckt – und vielleicht auch die (Pseudo-)Vision von Popmusik. Letztere ist deutlich zu erkennen und wirklich bestechend, geht aber ab und an im Durcheinander der übereinandergelegten Beat- und Soundloops schlicht unter oder verloren. „Dark Child“ beispielsweise beginnt mit einer bestechend minimalistischen Soundstruktur, klarem Beat und eingängigen elektronischen Hintergrundakkorden. Der Refrain aber walzt anschließend mit beinahe zufällig anmutendem Trommelrhythmus konsequent über die anfängliche Klangfarbe hinweg und so bleibt der Song dann doch nicht im Ohr.

Ab „Unfollow“, in dem das letzte Album von How To Dress Well und Querflötenläufe anklingen, wird das Fahrwasser ruhiger und der Zugang zur Musik leichter, was an diesem Punkt auch an der Gewöhnung liegen mag. „Call Me By My Name“ ist ein weiterer tiefer Einblick in Asbjørns Privatleben mit catchy Prä-Refrain und Refrain. Bei „The Love You Have In You“ ist seine Stimme inklusive Vocodereffekten in den Vordergrund gestellt und gepaart mit wunderschöner Klangatmosphäre, Glockensounds und entsprechend kitschigem Text („Lose yourself to all the love you have in you/ And I will know exactly what to do“).

Um auch den weniger unmittelbar zugänglichen Songs des Debütalbums auf den Grund zu kommen, bedarf es mehrmaligen Hörens und einiger Konzentration auf der verwinkelten Reise durch die Musik. Eines hat Asbjørn mit „Pseudo Visions“ aber definitiv geschafft: Sein Wiedererkennungswert ist durch die weiche, gehauchte Stimme und den charakteristischen Songwriting- und Produktionsstil hoch.

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