New OrderMusic Complete

Keine Frage, vieles klingt auf dem neuen Album von New Order aus produktionstechnischer Perspektive wie seit zehn Jahren überholt. Auf der anderen Seite gelang es nur sehr wenigen Bands dermaßen wie der Gruppe von Bernard Sumner, eleganten Pop trotz der Verwendung eigentlich simpler Melodiemuster zu zimmern. Das hat nicht nur Electro-Pop revolutioniert, sondern war sicherlich auch eine der Grundlagen für die Techno-Entwicklung. Und auch wenn das neue Album keinen wirklich großen Wurf parat hat, fragt man sich plötzlich, warum man die Joy-Division-Nachkommenschaft so selten vermisst hat. Denn die große Stärke von Sänger und Gitarrist Sumner liegt immer noch darin, große Gefühle ganz beiläufig in gefälligem, süßem Electronica-Pop auszudrücken.

Das gelingt makellos auf dem Eröffnungsstück, der ersten Singleauskopplung „Restless“ wie auch auf der Schlussnummer „Superheated“ – mittendrin natürlich auch. „Music Complete“ bietet wieder radiohitkompatibles Material, allerdings ganz wunderbar unaufdringlich. Eventuell ist das der Grund, warum die 80er-Manchester-Größen der immer wieder als Konsens durchkamen. Indie-Parties, aber auch bei Elektro-Raves sind ihre Hymnen nicht mehr wegwegzudenken, Songs wie „Blue Monday“ und „Temptation“ sind unverzichtbares, zeitloses Tanzmaterial. Und: New Order funktionieren auch bei denjenigen, die eher auf düsteren New Wave stehen.

Letztere Geschmäcker werden nun mit „Stray Dog“ bedient, auf der Iggy Pop einen Auftritt hat und für eine gothaffine Stimmung sorgt. Das ist dann aber doch die Ausnahme, was Dunkelpop angeht: Auf „Music Complete“ liegt der Fokus auf Synthiepop, 808-Fanatiker dürften hier voll auf ihre Kosten kommen. Die Bassgitarren, die auf dem 2005 erschienenen „Waiting For The Siren´s Call“ noch Kernelement waren, sind jetzt eher im Hintergrund angesiedelt, nur gelegentliche Gitarrenausbrüche („The Game“ und „Academic“) sorgen für Kontraste. Ansonsten denken Sumner und Co. in ausschweifendem Discoformat und nehmen sich mehr Zeit für den Songaufbau.

Nun könnte man nörgeln, dass New Order das Beste der 80er und 90er konservieren, aber das Beste von Heute dabei leider vergessen. Ganz falsch liegt man damit sicherlich nicht. Aber zu glatt oder gar zu restaurativ klingt das Album trotz des Nostalgiker-Sounds auf „Plastic“ und der Giorgio-Moroder-Huldigung in„Tutti Frutti“ nicht – auch wenn Letzteres von Daft Punk 2013 wesentlich spannender auf „Random Access Memories“ umgesetzt wurde.

Der Schlussteil der Nummer sollte mit seinen trampelnden Electro-Beats, Streichersimulationen und funkiger Bassgitarre jedoch Beweis genug dafür sein, wie prägend die ehemaligen Post-Punks für bedeutende Bands der Jetzt-Zeit gewesen sind. Wären Hot Chip ohne New Order möglich gewesen? Hätte es die Bassmelodien bei Metronomy in dieser Form gegeben? Auch wenn es unspektakuläre Phasen auf „Music Complete“ gibt: Bass-Legende Peter Hook hat die Band 2007 zwar verlassen, doch das Gefühl für tolle Popmelodien definitiv nicht.

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