Die Goldenen Zitronen, die sich konsequent von der Punk-Fun-Band zum intellektuellen Spielverderber mit selbstauferlegtem Floskelverzicht entwickelten, haben auf „Flogging A Dead Frog“ einige Instrumentalversionen versammelt und ausgewählte Songs auf Englisch neu vertont. Das Highlight auf der Platte der Hamburger Urgesteine ist eindeutig die Übersetzung von „Wenn ich ein Turnschuh wär“, für das die Band auch ein neues Video gedreht hat: ein Brocken sich langsam aufbauenden Electropunks, der die europäische Asylpolitik anprangert und 2006 auf der LP „Lenin“ erschien. Die Nummer verdeutlicht perfekt, wie unvermindert aktuell das Werk der Goldis ist.

Was Sänger und Theaterregisseur Schorsch Kamerun auf „If I Were A Sneaker“ erzählt, ist im Grunde recht simpel und gar nicht so kryptisch, wie man es von Kamerun, Gaier und Co. gewohnt ist. Was Turnschuhe und mit ihnen paradigmatisch die gesamte Warenwelt darf, bleibt einem Teil der Menschheit verwehrt: sich frei bewegen zu können. Die Würde des Menschen mag unantastbar sein, doch nur das, worauf sich ein Preis setzen lässt, kommt heutzutage ohne Weiteres über das Mittelmeer. Deswegen wünscht sich Kamerun eine Existenz als „Flachbrettscheiß“, denn dann hätte er „wenigstens einen Preis.“ „The products are allowed, allowed to flee“, über „the western sea“, krächzt er nun auf englisch. Das entlarvt die Neoliberalismus-Logik und wirft gleichzeitig die Frage auf, was das eigentlich für eine abgefuckte Welt ist, in der die eigene Verdinglichung den Notleidenden als einzige Lösung erscheint.

Bearbeitungen vom letzten Album „Who´s Bad“ gibt es ebenfalls zu finden. Bei der Übersetzung vonn „Der Investor“, auf dem sich die Band den Themen Panökonomie und Gentrifizierung widmet, hat sie auch die musikalische Struktur leicht modifiziert. An neuem Material gibt es daneben zwar nicht so viel, doch dafür einige spannende Instrumentalentwürfe, die sich stilistisch größtenteils im Krautrockbereich bewegen. Dabei ist die zum Teil unrhythmische Struktur auch hier wieder kein Fehlen von Talent, sondern Konzept. Ganz im Gegenteil ist jeder Beat, im Detail betrachtet, extrem präzise platziert. Wenn die Zitronen im Takt gegen den Takt spielen, ist das als performativ aufzufassen. Bitte bloß kein Pathos, die Band findet das auch nicht cool, wenn man dazu auf Konzerten gemeinsam klatscht. Die Arrangements sind im Grunde genauso wie die Sprache von Kamerun selbst: unbequem, sperrig, unterhaltsam und im permanenten Kontra- und Verweigerungsmodus.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum