Mueller_RoedeliusImagori

Hans-Joachim Roedelius ist der Dinosaurier der Ambientmusik. Niemand hat das Genre, das für viele das strukturelle Fundament für Krautrock und somit auch Techno war, so sehr geprägt wie er. Noch vor kurzem hat er mit seiner Gruppe Qluster ein feinfühliges Pianoalbum („Tasten“) veröffentlicht, da bekommt seine Mammut-Diskographie bereits den nächsten Eintrag. Auch mit seinen über 80 Jahren ist der Vertraute Brian Eno noch für eine Überraschung gut: Was als reine Improvisation mit dem Electronic-Komponisten und Gotan-Project-Mitglied Christoph H. Müller begann, nahm dann doch mehr Konturen an und verdichtete sich. Doch gerade der freie Fluss ist für Ambient ja bekanntlich die Hauptvoraussetzung.

Dieses Paradigma mündete im Fall von Roedelius nicht selten in überdurchschnittlich langen Tracks, die auch als Paradebeispiele für die Grenzenlosigkeit des Genres angeführt werden. Die Spiellänge hält sich auf „Imagori“ allerdings im Rahmen. Auch eld Recordings, für die Roedelius in seiner musikalischen Laufbahn immer eine große Schwäche hatte, finden sich auf „Imagori“ nicht. Man spürt, dass die Kollaboration beatreicher und dadurch ein wenig geradliniger verläuft als die Solowerke von Roedelius. Das, was Müller unter die gewohnt melodischen Pianobögen des Altmeisters legt, klingt mal nach Techno-Residuen („Valse Mecanique“) oder smartem Dub-Ansatz, dann wieder polyrhythmisch („QM“) entrückt und wirkt dadurch insgesamt auch ein wenig druckvoll – obwohl sich alles im gediegenen Midtempo abspielt.

Auch wenn es oft ein wenig vertrackt zugeht: Hardcore-Ambient, wie Aphex Twin ihn betreibt, ist das hier nicht. Dafür ist „Imagori“ doch noch zu entspannt und Easy-Listening-affin, selbst wenn zwischendurch Kraftwerk-referentielle Synthies entstaubt werden oder die Melodien nicht immer mit Dur enden. Das Album bleibt alles in allem verträumt und unaufdringlich, wobei Mueller_Roedelius die Nummer „About Tape“, auf der man einen Eno-Monolog entdeckt, in eine leicht unheimliche Atmosphäre gehüllt haben. Jener Eno durfte nicht fehlen – mit ihm hat Roedelius, DDR-Flüchtling und ehemaliger Krankenpfleger, bereits mehrere Alben aufgenommen und besitzt eine Seelenverwandtschaft, die auf künstlerischer Ebene ihresgleichen sucht.

Es gibt zwar kaum Momente, die an die sensible Feinfühligkeit von Qluster heranreichen, dennoch ist „Imagori“ Ambientpop at its best. Diese Platte kann als Beleg dafür gelten, dass sich Leichtigkeit und Innovation im Produktionsprozess keineswegs ausschließen müssen. Das führte bei einem Literaturwissenschaftler übrigens schon zu der These, dass es Parallelen zwischen dem Verfahren der Psychoanalyse und Ambient-Hörstrukturen gibt. Gregor Schwering wies in einem Essay daraufhin, dass der freie Gesprächsfluss einer Sitzung bei Freud nicht nur die übliche Gesprächsstruktur von Patient und Arzt auflöst, sondern auch zu einem „Hören“ führt, das statt klar festgelegter „Verbindungen zwischen Sender und Empfänger“ den Fokus eher auf Beiläufiges richtet – analog dazu fügt sich Ambient nicht den üblichen Songstrukturen, sondern überlässt sich einem freien Fluss und einer schwammigen Soundkulisse. Was Schwering hier vor allem an Eno verdeutlichte, dürfte auch auf Roedelius zutreffen. Die Kompositionen seines neuen Projekts vermitteln Schwerelosigkeit – und das Gefühl, dass man auch jenseits von jedem noch ganz bei sich selbst sein kann.

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