Auf ihrem sechsten Album erfinden Hot Chip zwar das Rad nicht neu, doch ihre Tracks gehören derzeit zum besten Material, das in Sachen Electropop und House auf den Jog Wheels digitaler Abspielgeräte gedreht werden kann. „Why Make Sense?“ könnte vom Titel her eine Referenz an die experimentelle Phase von Talking Heads sein („Stop Making Sense“ hieß ein Album der Experiment-Popper der 80er), hüllt sich aber vorwiegend in gefälligem House, wenngleich es die gewohnt kratzbürstig-abgedrehten Momente gibt und man dem Album Alexis Taylors Schwäche für akustische, beziehungsweise analoge Produktion anhört, die ihn bei seinem letzten Solowerk „Awaiting Barbarians“ heimsuchte. Wie auch zuletzt Daft Punks ist auch Hot Chips Electropop von jener Sorte, die sich digital anhört, letzten Endes aber auf sehr viel Handarbeit setzt. „Why Make Sense?“ liefert sozusagen Android-Pop, der im Electropop-Katalog landen wird.

Warme Wurlitzer-Synthie-Klänge wuseln sich durch Songs, die mal nach Detroit House, aber auch sanftem Technopop klingen. Selbst für die zweite Single „Need You Now“, die extrem nach Deep House klingt, wurden echte Drums eingespielt. Für das funkig unbeschwerte „Love Is The Future“, auf dem Posdnuos von De La Soul einen Rap-Part übernommen hat, wurden sogar einige Geigen verpflichtet. Die leicht verspielte Ader von Taylor, der privat bestimmt viel Jazz hört, sorgt wieder für Spannung in den Arrangements und gerade das Spiel von funktionalistischer, wohlstrukturierter Tanzmusik mit strukturbrechender Kontingenz, die man in den Analogelementen entdeckt, machen den Reiz dieses Albums aus.

Gerade das ist gleichzeitig auch musikalische Umsetzung eines der Themen der Platte, die sich nicht nur um viel Herzschmerz dreht, sondern sich dem Verhältnis von Mensch und Maschine widmet. Über Letzteres philosophiert die markante, smoothe Stimme von Taylor schon im basslastigen Eröffnungsstück, das klar macht, dass nach dem souldurchzogenen Vorgänger „Our Heads“ wieder ein waschechter Discokontext angestrebt wird. „Huarache Lights“ ist die beste Hot-Chip-Single seit „Over And Over“ und bietet dann auch direkt die erste popkulturelle Referenz. „I got something for your mind, your body and your soul“ verspricht eine Stimme (am Anfang normal, im Mittelteil mit Auto-Tune), die damit den Funk-Klassiker „Let No Man Put Asunder“ von First Choice zitiert, dessen besagter Satz bis heute oft als Sample und mittlerweile sogar auch im Techno-Kontext Verwendung findet.

Es ist eine Zeile, die als Umschreibung für das Treiben einer progressiven Band wie prädestiniert ist. Obwohl es ein paar zähe Momente gibt, garantieren Hot Chip wieder Clubkompatibilität und Songwriter-Eleganz gleichermaßen. „White wine and fried chicken“ sozusagen, um es mit dem Gesang von Taylor zu sagen. Joe Goddard, das zweite Mastermind der Band, der vor allem solo, mit seinem Projekt The 2 Bears und dem Label Greco Roman umtriebig ist, sorgt mit dem Soft-Electronica-Stück „Dark Night“ dann für das heimliche Highlight des Albums. Es endet mit herrlich wirrem Psychedelica-Pop-Chaos und wird an den extrem verspielten Geniestreich „The Warning“ aus 2006 erinnern. Doch zur Nostalgie besteht überhaupt kein Anlass. Hot Chip haben von ihrer Energie und Experimentierfreude absolut nichts eingebüßt.

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