Auf der zweiten Hälfte des letzten Tocotronic-Albums „Wie Wir Leben Wollen“ wagte sich Dandy Dirk von Lowtzow mitunter in die Meereswelt und entdeckte im Song „Neue Zonen“ die Gattung der Plüschophilen, deren Triebstruktur vor allem „weiche Ziele“ verfolgt. Eine Ästhetik des Fließens und der Zerbrechlichkeit, die einerseits als Statement gegen die Tendenzen des zeitgenössisch plumpen Männerkumpelrocks galt, aber auch möglicher Vorbote für das elfte Studioalbum gewesen sein könnte.

Zu dessen Beginn findet man sich nämlich orientierungslos in einer Küstenstadt wieder, neben „Muscheln und Schalentieren“, wie es im „Prolog“ heißt. Der Hang zu albenübergreifenden Motiven und einer enigmatischen Stilistik war dem Quartett aus der Hansestadt noch nie fremd. Nun ist man nicht nur am Grund des Swimming Pools angelangt, sondern sogar am Meeresgrund, den auch schon Ingrid Caven in ihrem Stück „Die Großen Weißen Vögel“ besang, das die Band häufig nach Konzertende abspielen lässt. Der Meeresgrund ist sinnbildlich in erster Linie aber Anfang und Ort der tiefsten Tiefe – und dort entdecken Tocotronic nichts weniger als die Liebe. Obwohl Lowtzow und Co. eine Schwäche für Monchichis haben, funktioniert der neueste Streich ganz ohne aufdringliche Kuschelrock-Sentimentalitäten.

Wer hätte das Oberthema Liebe aber einst bei einer Band erwartet, deren Debüt vor zwanzig Jahren mit den Zeilen „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“ begann. „Wir sind die Gruppe Tocotronic und wir spielen für euch Lieder von Liebe und Hass“, lautete auch 2012 noch eine Konzertbegrüßung. Liebe und Hass waren bei ihnen schon immer dialektisch ineinander verschränkt, doch auf dem elften Studioalbum, für das erneut Moses Schneider als Produzent verpflichtet wurde, gibt es nun doch ein Primat. 1:1 ist jetzt vorbei. Tatsache, es steht 5:1 für das Wort „Liebe“, denn das favorisierte four letter word „Hass“ taucht insgesamt so viel weniger auf. Und zwar nur im programmatischen Eröffnungsstück: „Du lerntest deinen Hass zu tanzen, in der Schule der Extravaganzen“, singt da ein beinahe milde gesinnter von Lowtzow, der weniger bissig als sonst klingt und weitere Charakteristika jener plüschophilen Spezies aufzählt, die „Löcher unter der Haut“ hat und „aus Schwamm gebaut“ zu sein scheint wie TV-Star SpongeBob, dessen Erfinder übrigens auch als Meeresbiologe tätig ist. Eventuell sind dies aber auch ironische bandbiographische Andeutungen. Tocotronic-Songs saugen nicht nur schwammartig Zitate auf, um aus ihnen etwas Neues zu bauen, sondern gehören selbstverständlich zu den Standardwerken der sogenannten Hamburger Schule, über deren begriffliche Genese man noch heute streiten kann. Dass die referentielle Spurensuche, über die sich tatsächlich eine „Diplomarbeit“ schreiben ließe, erneut wieder in Hoch- als auch Unterhaltungskultur mündet, war bei einer Band zu erwarten, die im Stück „Zucker“ Cherry Cola und von Eschenbachs Parzival in einer einzigen Zeile zusammenbringt.

Doch zur Sache, diesem Ding namens Liebe. Dass Tocotronic sich selbst bei jenem Thema nicht in Floskeln oder Kitsch verirren, ist dieser tiefrot gezierten Platte hoch anzurechnen, die genau genommen gar keinen offiziell finalen Titel trägt und an einem Tag erscheint, an dem Plattenläden gar nicht aufhaben, weil Menschen ihren Herzblättern Maibäume stellen oder den internationalen Tag der Arbeiterbewegung zelebrieren. Ein historisches Datum im doppelten Sinne, die Weichen sind somit gestellt, eine eindeutig mehrdeutige Platte ist garantiert. Die klingt vor allem produktionstechnisch poppiger denn je, dennoch: Die melodieverliebten Kompositionen haben zwar das Rauschen der Candy Bomber Studios gefiltert, die Punkwurzeln der Band aber nicht ganz abgestreift („Sie Irren“ rumpelt beispielsweise noch ordentlich). Allen voran präsentiert jedoch die Single „Die Erwachsenen“ mit ihren Synthies eine gänzlich neue kompositorische Zärtlichkeit, die die Fans der raueren Bandphase sicherlich nicht begeistern wird. Auch hier geht es wieder um den Anfang, das Unfeste. Erzählt wird aus der Pubertätsperspektive, in der man sich weder erziehen lassen noch den Konventionen der Erwachsenenwelt erliegen will: „Wir sind Babies, wir spucken ihnen ins Gesicht“, haucht von Lowtzow (im Video leicht ergraut fast das Gegenbild zur porträtierten Zungenkuss-Smartphone-Generation) im Refrain wunderbar naiv und grazil. Unvermittelt denkt man da wieder an den Song „Imitationen“aus 2007, in dem man den „Leugnern ins Gesicht“ gespuckt hat, die an der Vorstellung eines wahren, unveränderlichen Ichs festhielten.

Dieser Verzicht auf Stabilität wird längst nicht mehr als existentieller Ballast empfunden. Tocotronic haben ihre „Jungfernfahrt“ ganz „auf Sand gebaut“ und generell erfreut man sich mittlerweile daran, aus „Zucker“ zu sein und nicht zu erhärten. Dafür spricht nicht allein die musikalische Leichtigkeit. War das lyrische Ich in den „Grenzen des guten Geschmacks 2″ vom 1999 erschienenen Album „K.O.O.K.“ noch „überreizt“, weil es „keine Grenzen setzen“ konnte, öffnet es auf der roten Scheibe jetzt einfach alle: „Ich öffne mich, öffne die Grenzen für dich/ wir sind mehr als zwei, the damned don’t cry“1. So jedenfalls eine Zeile aus dem opulent instrumentierten, mit Chorgesang eingeleiteten „Ich Öffne Mich“, das man sowohl als Absage an feste Identitäts-Konzepte rezipieren kann wie auch als intimes Liebeslied oder gar Solidaritätsbekundung für die Flüchtlinge. Deren Situation scheint im von sensiblen Streicher-Sequenzen untersetzten Stück „Solidarität“ jedoch expliziter thematisiert zu werden. Wenn man den Blick auf das tagespolitische Geschehen lenkt, wirkt von Lowtzow mit Zeilen wie „Ich weiß, dass ihr einen Schutzschild braucht, denn eure Ängste kenn ich auch/ Von der Herde angestiert, mit irren Fratzen konfrontiert“ leider sogar ungemein präzise. So ungreifbar, facettenreich und fernab jeder Pseudoromantik und Paartherapie klingt Liebe also im Tocotronic-Kosmos.

Da kann man sowohl über Schabernack-Strophen wie „Alles ist so zyklisch und dennoch unveränderbar“ und den leicht albernen Abschluss „Date Mit Dirk“ mitsamt Field Recordings hinwegsehen. Es bleibt von Lowtzows Stärke, in einem Dickicht von Ambiguität zu glänzen, das dem Hörer sowohl Spiel- als auch Freiräume gestattet und ihn gleichzeitig binden kann. Das sind Indizien für nachhaltige Popmusik, die so nebenbei fast selbst eine Form von Liebe darstellen könnte. Im Grunde ein performativer Akt.

 

1Was ein Zitat des gleichnamigen Songs der 80er-Wave-Band Visage sein könnte

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