WaxahatcheeIvy Tripp

Es wäre nachgerade ziemlicher Blödsinn anzunehmen, es gäbe zwischen Katie und Allison Crutchfield einen familieninternen Wettstreit darum, wer den cooleren hängengebliebenen Indie-Rock spielen kann. Allison zelebriert mit ihrer Slacker-Band Swearin‘ lässig dröhnenden 90er-Rock, der immer eine Hand an der Zigarette hat und eine lässig in den abgeschnittenen Jeans-Shorts versteckt. Katie hingegen, die unter ihrem Moniker Waxahatchee solo musiziert, liebt zwar auch die 90er, frönt diesem Jahrzehnt allerdings mit etwas weniger drängelndem Post-Grunge als mit kurzweiligen Tagebucheinträgen, die sich aus der allgegenwärtigen Teenage Angst speisen. Auf ihrem dritten Album „Ivy Tripp“ vielleicht mehr denn je.

Die Platte beginnt mit dem sehn­suchts­vollen „Breathless“, einer sich langsam steigernden Nummer, die entfernt an die Titelmelodie der legendären David-Lynch-Serie Twin Peaks erinnert. Über eine verhaltene Nebelmelodie singt Waxahatchee ihre verzweifelt-süßen Verse und lässt sich dafür auch mal knapp fünf Minuten Zeit. Ungewöhnlich, denn im weiteren Verlauf wird deutlich, dass die amerikanische Musikerin sich sonst eher auf der Kurzstrecke bewegt. Soll heißen: Ihre Stücke sind kurz und präzise, nicht aber pedantisch, sondern eher faserig-verspielt, verwurzelt im weiten Emo-Rock der späten 90er-Jahre, aber mit viel Liebe für den verwinkelten Indie-Pop der Omaha-Schule.

„Under A Rock“ ist so eine typische Nummer: Irgendwie College-Rock, mit Extraportion Bauchgribbeln und beseelt vom Gefühl ewiger Jugend. Waxahatchee schreibt Hymnen für alle Leute, denen Hymnen unheimlich sind, da es eigentlich gar nichts zum Feiern gibt. Außer eben vielleicht sich selbst, wenn man mal wieder rebellisch alles negiert, was abseits der eigenen vier Wände für Chaos sorgt.

„La Loose“ beginnt mit einem stoisch pumpenden Beat, die Gitarre bleibt hier mal im Schrank und doch funktioniert das wunderbar, weil sich Waxahatchee eben auch im Electropop wohlfühlt und ganz sie selbst bleibt. Sie schielt nicht auf den Dancefloor wie dereinst Tegan And Sara, sondern formuliert weiter ihre bitterlichen Theorien. Im besten Song der Platte, „Air“, bringt die junge Sängerin dann das Gefühl tiefen Zweifels auf den Punkt: „I left you out like a carton of milk/ You were quick to query me/ But I wanted you still/ To relay something warm/ To break off a good piece/ But you won’t be, you won’t be.“

Toll auch, wie Waxahatchee in „Grey Hair“ die Sonne in ihren skeptischen Indie-Rock lässt oder wie sie mit „Summer Of Love“ – einer akustischen Lagerfeuernummer – vergangene Ferienromanzen Revue passieren lässt. „Ivy Tripp“ mag letztlich vielleicht noch nicht der ganz große Wurf sein, den man sich ganz heimlich von Crutchfield erhofft. Doch es bleibt eine rundum gelungene, herzliche kleine Liedsammlung, die die Latte fürs nächste Swearin‘-Album erstmal hochlegt. Aber darum geht es ja sowieso nicht.

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