Was kommt dabei raus, wenn man über längere Zeit zwischen Berlin und London pendelt? Im Falle der DJ- und Produzenten-Hoffnung George FitzGerald ist das Autobahnsound zu Nachtzeiten und clubtaugliche Bassmusik gleichermaßen. Sein lang erwartetes Debüt „Fading Love“ entwirft eine ganz eigene Vorstellung von Melancholiker-Techno mit sensiblen Tech-Kompositionen, die sich gediegen und eher minimalistisch präsentieren. Nach offizieller Label-Info soll der Gute gerade eine längere Beziehung hinter sich haben – verständlich, dass er da keine Lust auf Ibiza-Rave hat, auch wenn FitzGerald den Boiler Room mit seinen DJ-Sets schon ordentlich berauscht hat. Doch nun ist Trance statt Tronix die Devise, auch wenn vieles auf „Fading Love“ in homogenem 124-BPM-Rahmen rotiert.

Wahrscheinlich besteht der Reiz des Albums in den Spannungsbögen, die keine Sekunde lang überproduziert erscheinen und auch nicht so omnipräsent in die Detroit-House-Kerbe wie Disclosure schlagen. Die Nummer „Knife To The Heart“ beispielsweise ist unaufdringlicher House, der im weiteren Verlauf aber durchaus kraftvoller wird und zu dem nicht nur James Blakes Publikum ab halb vier im Technokeller tanzen würde. Die Produktion ist transparent und das Klangspektrum insgesamt reduziert, entfaltet aber beim zweiten Durchlauf eine detailverliebte Struktur. Ob es die abrupt einsetzenden Snares im Hinterground eines eigentlich dezenten Tracks sind oder ein Hauch von britischem Grime in „Your Two Faces“, stets setzt FitzGerald auf sanfte und präzise Einbettungen. Der Brite schont die CPU seiner digitalen Hardware, weiß aber genau, was in der Software steckt und wie sie zu handhaben ist.

Andererseits sind es auch die Gastbeiträge, die dieses Album so elegant und stilsicher konturieren. Gleich zweimal hört man beispielsweise Oli Bayston, der als Boxed In sein smartes Electro-Piano-Pop-Debüt zu Beginn diesen Jahres veröffentlichte. Eine wichtige Rolle spielt aber vor allem Lawrence Hart, dessen zarter und reflektierter Tenor vier Stücke begleitet, die sich sowohl mit druckvollen Momente zeigen („Crystallise“) als auch schwelgerische Anmut verkörpern. Deswegen ist „Fading Love“ andererseits mit seinen Ambient-Spielereien in „Miyajima“ letzten Endes zu verträumt, um für Zündung auf den Floors sorgen zu können. Es bleibt dem Hörer überlassen, was er mit dieser Musik macht. „And if you want to call it love, you can call it love/ And if you say it’s not enough, then it’s not enough“, singt Hart passend eine Zeile, die repräsentativ für die Unaufdringlichkeit des Albums stehen könnte und jenem gerade in ihrer Einfachheit eine enigmatische Tendenz verleiht.

Sicherlich, es gibt Passagen auf dem Album, in denen es nicht so einfach ist, zwischen Stilsicherheit und Monotonie zu unterscheiden. Aber insgesamt ist „Fading Love“ versierter Electropop, der durch seine geradlinige Konzeption wie auch den melancholischen Faden unvermittelt an „Signs Under Test“, den letzten Streich von John Tejada, erinnert. Oder an den Sound von Steffis „Power Of Anoymity“, der erfahrungsgemäß zwar Berghain-tauglich ist, aber nie den absoluten Exzess herausfordert. Das ist in Zeiten von 90er-Electropop-Renaissancen und somit Produktionen, die nur noch auf Übersättigung setzen, sicherlich ein wertvolles Statement. FitzGerald ist ein Musterbeleg dafür gelungen, wie ästhetisch und ambivalent elektronische Nachtschwärmerei sein kann.

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