Vierkanttretlagers Debüt stieß 2012 durchweg auf positive Reaktionen. Das Quartett aus Hamburgs Husum präsentierte zackigen Indiepunk, der von einigen Seiten sogar mit den frühen Tocotronic verglichen wurde. Ob diese Referenz nun passend war oder nicht, im Grunde war es dasselbe Phänomen, das man auch im vergangenen Jahr bei der Band Trümmer beobachten konnte. Bei aller Euphorie und aufrichtigen Begeisterung für Trümmer, die wie Vierkanttretlager schon vor dem Hype lange gemeinsam musizierten: Zu viele Vorschusslorbeeren, „Blumenkränze Und Applaus“ können es einer Band auch immer schwer machen.

Doch im Falle von „Krieg&Krieg“ sind diese Sorgen ganz unberechtigt. Um es gleich vorweg zu nehmen: Der „Die Natur Greift An“-Nachfolger ist souveräner und stilsicherer Indierock, der trotz kleiner Schwächephasen überzeugt. Dabei hätte die Gruppe um den charismatischen Sänger Max Richard Leßmann auch einen anderen, viel leichteren Kurs einschlagen können, das Casper-Feature wiederholen, über Beziehungen singen oder einfach die Produktion glattbürsten. Stattdessen ist „Krieg&Krieg“ klanglich noch rauer geworden als der Vorgänger, klingt nach den frühen Bilderbuch (noch fernab von Sample-Albernheiten) und den polternden 1000 Robota, obwohl es auch einige Akustik-Kompositionen gibt. Dafür trauen sich Vierkanttretlager aber erneut, befindlichkeitsfixiert und schonungslos Salz in die Wunden zu streuen. Keine Spur von Ironie und eher wenig Querverweis (die wesentlichen Kontraste zu Tocotronic), Leßmann ist ganz damit beschäftigt, sich unbehaglichen Stationen der Seele anzunehmen, die auch vor dem Thema Tod nicht Halt machen – obwohl immer wieder ein Hauch Romantik spürbar wird.

„Weil es für uns kein Morgen gibt, bleibt für immer heute“, singt er etwa im Titeltrack. Kaum Platz für Muntermacher, wie sollte es auch gehen? Die Jungs sind im Zirkel der Überreflexion: „Du hast wieder dran gedacht, dass du dir zu viel Gedanken machst/ Ich weiß nicht mal, ob ich gar nichts weiß, ich habe für immer für dich Zeit“, heißt es im ähnlich punkigen „Lass Uns Den Verstand Verlieren“. Einige Zeilen klingen nach Teenage Angst, viele haben absolutes Slogan-Potential, sodass man sie bestimmt bald in einigen Unibänken eingeritzt finden wird. Ebenso gibt es Passagen, die man auch als Kritik an der Facebook-Generation auslegen kann, die immer und überall dabei ist – außer einmal bei sich selbst. Drinnen, wo es dunkel ist. Versenkung statt Quatschen lautet die Devise in Songs wie „Der Letzte Satz Der Welt“ als auch „Schweigen“, für Texter Leßmann ohnehin „das beste Wort der Welt“. Insgesamt verharren die gesellschaftskritischen Komponenten jedoch eher im Hintergrund.

Auf „Krieg&Krieg“ widmen sich Vierkanttretlager der allgegenwärtigen Tristesse und man fühlt sich unvermittelt an Muff Potter erinnert, die 2007 in „Fotoautomat“ sangen: „Der dritte Weltkrieg tobt, direkt vor meiner Tür, und ich bin immer noch zu beschäftigt mit mir“ (Vierkanttretlager haben übrigens einen Song im Repertoire, der den Titel „Fotoalbum“ trägt). Solch ein melancholischer, aber gleichzeitig reflektierter Gestus durchzieht die ganze Platte und beweist, dass diese Band mittlerweile definitiv in der Liga von Bands wie Herrenmagazin mitspielt. Vierkanttretlager präsentieren sich kantig, düster, ernster als die frühen Madsen, aber nicht so morbide wie etwa der Postpunk von Messer. Da sieht man auch über kurze Momente hinweg, die ein wenig theatralisch nach Gymnasial-Lyrik riechen und musikalisch noch nicht ganz ausformuliert wirken. Gut, dass Leßmann nicht tatsächlich geschwiegen hat, sonst wäre uns dieses schöne Stück Rockmusik nämlich erspart geblieben.

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