Wie kann man mit 23 Jahren so schicksalsschwer klingen? Marika Hackman hat eine Reife, die einen umhaut – aber erst dann, wenn man Fotos von ihr sieht und erfährt, dass sie am 17.02.1992 geboren wurde. Ja, ist klar: Papa Finne, beste Freundin Cara Delevingne, mit der sie ein paar Tage lang auch mal eine Band hatte, das genügt heutzutage schon, um die berühmten fünf Minuten Fame für sich zu beanspruchen. Aber das wäre in diesem Fall zu einfach gedacht.

Hört man „At Last We Slept“ erstmal „einfach so“, geschieht das Übliche: Man entwickelt eine optische Vorstellung des Menschen, dem man da so gut zuhören kann. Im Kopf baut sich ein Bild auf von einer zumindest Endzwanzigerin, die schon eine Menge erlebt und durchlitten hat und sich innerhalb dieses Prozesses die Gabe erarbeitete, das auch noch in filigrane Sounds und einen manchmal fast whiskyschweren Gesang zu betten („Before I Sleep“). So ein Song klingt noch nach, da folgt ihm schon mit „Ophelia“ etwas Federhaftes, Gehauchtes, das dem Engelsgesicht im Ausdruck wieder näher rückt. „At Last We Slept“ ist der erste Longplayer der jungen Londonerin und wie schon das Minialbum „That Iron Taste“ von alt-J-Kollaborateur Charlie Andrew produziert. Mit diesem und mit anderen Kurzformat-Veröffentlichungen erlangte Hackman bereits erste Aufmerksamkeit, live schindete sie nachhaltig Eindruck, als sie mit Laura Marling auf Tour durfte.

Man könnte ihren Stil in die Folk-Schublade packen, aber die Melancholie und die Wendungen, die Songs wie „Skin“ und „Drown“ beinhalten, sprengen dieses Korsett schnell. Stücke wie „Undone, Undress“ zeigen, dass die Multiinstrumentalistin den Mut hat, sich Zeit zu nehmen, Songs sich entwickeln zu lassen. Hier setzt sie selbstbewusst auf ihren Gesang, der manchmal fast ein wenig an Ätherisches wie Enya heranrutscht, aber Gott sei Dank nie deren Glattheit erreicht. So bleibt Hackman eine Sängerin mit Profil, mit Mut zu zurückhaltender Instrumentierung, die ihre Stimme oftmals nur stützt, aber nicht übertönen kann. Reichhaltig ausgeformt ist hingegen das perfekte „Animal Fear“.

Hackmans ist eine reife Stimme der leisen Worte. Sie hat Persönlichkeit, ohne mit dieser zu überfrachten. Ihre Songs lassen genug Raum, die eigenen Gedanken kreisen zu lassen („Monday Afternoon“, das wirklich stark folkig ist), aber nicht aus Langeweile, sondern weil sie irgendwas auslöst – vielleicht auch den Impuls, mal ein Bier mit ihr zu trinken und hinter das Geheimnis des Zuhause-Gefühls zu kommen, das „In Words“ vermittelt. Umso mehr, weil das zur Veröffentlichung auch in einer Gallerie ausgestellte Album-Artwork ebenso wie der Song „Ophelia“ von „True Detective“ inspiriert wurde. Good choice – musikalisch wie auch hinsichtlich TV-Serien, die man nicht verpassen darf.

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