MOURNMourn

„Shut up, watch out“, schreit Jazz Rodríguez Buen auf „Marshall“ dem geneigten Zuhörer aufgekratzt entgegen, als hätte der nicht schon längst die eigene Luftgitarre im Anschlag und würde mit ihr seit vier Songs um die Wette krakeelen. Es wird Zeit, dass der „Play it loud“-Sticker, dieses Relikt aus analogen Zeiten, eine Renaissance erfährt – und sei es bloß für diesen einen Release, dieses schnodderige Debüt, das Erwartungen erfüllt und doch überrascht.

Wenn Jazz Rodríguez Buen singt, dann klingt sie dabei jung und alt zugleich. Jung, weil nur ein junger Mensch den Punkrock authentisch leben kann. Alt, weil ihre kehlige Stimme die Untiefen des Lebens schon vorwegzunehmen scheint. Diese kontradiktorische Spannung verblüfft umso mehr, wenn man erfährt, dass keins der Mitglieder der katalanischen Gruppe MOURN bei den Aufnahmen das 19. Lebensjahr überschritten hatte. Gemeinsam hüllen die vier jugendliche Urgewalt und unbändige Erfahrungslust in dissonant-verschränkte Indierock-Outfits, die mit bedingungsloser Hingabe punkten.

„Silver/Gold“ und „Otitis“, die beiden bereits bekannten Singles, ebnen den Weg für neun weitere Songs, die vom eingeschlagenen Pfade nicht merklich abweichen. Die späten Siebziger (Patti Smith) treffen auf Neunziger (PJ Harvey) und frühe Nuller (Sleater-Kinney) und fusionieren zu einer Melange aus stoischem Rock, verkantetem Punk und zerdelltem Indie. Stilecht schlecht frisiert und noch schlechter gesungen, was nicht unbedingt nur auf das brüchige Englisch bezogen ist, das hier ein wenig auch die mäßigen Texte verschleiert, die sich um Abrechnungsfantasien („fuck ya“), Jugendproblematiken („You think you’re awesome, I say you’re boring“) und perspektivierende Weitermacherei drehen. Der Bruch mit den klassischen Punkthemen ist dabei in der Vermeidung von Klischees durchaus probates Mittel, lässt aber in der Essenz kaum mehr als bloß „Bock auf Rock“ und schnödes Gehabe erkennen, was jedoch in diesem Fall als Privileg der Jugend und Jugendlichkeit den Akzeptanzrahmen nicht sprengt. Man darf sich auf die Songs jenseits dieses Albums freuen, wenn das Leben gänzlich roh und hässlich seine Tränen und Bissspuren in den Biografien der Bandmitglieder hinterlassen hat.

Bisweilen erfreuen wir uns jedoch an der rohen Impulsivität von Tracks wie „Boys Are Cunts“ oder „Jack“ mit ihren ungeduldigen, rumpeligen Gitarren oder der abgeschüttelten Larmoyanz von „Your Brain Is Made Of Candy“, die MOURNs standesgemäß kurzes Debüt prägen. Jegliche Besonnenheit währt nur kurz, jedes Innehalten scheint Vorgeplänkel für den neuerlichen Ausbruch zu sein, auch wenn die konsequente Anarchie und überbordende Wut nicht das Terrain sind, das dieses katalanische Quartett bespielt. Hier lauschen wir am Puls des Rock’n’Roll und des Erwachsenwerdens. Was beides verbindet, ist die Lust am Scheitern, am Fehlerbegehen und nachfolgenden Wiederaufstehen. So klingt diese Platte an ihren besten Stellen nach analoger Studioluft und aufgeschürften Fingern, nach überschlagenden Stimmen und ebenso trotziger wie rotziger Atemlosigkeit. Das ist nicht immer aufregend und neu, aber ein Beweis für die konstante Erneuerungskraft des Bewährten.

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