Belle And Sebastian waren früher vieles, vor allem aber besonders: Sie waren retro, bevor der Moderne die Originalität endgültig ausging. Sie waren geschmackvoll aus Überzeugung, melodieverliebt aus Herzenslust, gutmütig aus Geschmack. Ihre Songs tänzelten zwischen zartem Schwelgen und seufzender Herrlichkeit, im Kleinen tragisch, im Großen verspielt. Höflicher Charme und verhuschte Eleganz standen auf den dreckigen Fahnen der (was auch immer das heißen mag) weißesten aller Bands. Sie vereinten in den 90ern Barock-Pop der 60er und Twee-Pop der 80er zur chamber-poppigsten Versuchung des Indie-Pop. Stuart Murdoch träumte, sinnierte, erzählte Stories von träumenden Mädchen und hauchfeinen Figürchen. Er war nie greifbar. Belle And Sebastian waren nie greifbar.

Das änderte sich schon vor geraumer Zeit. Die große Zäsur des Abgangs von Isobell Campbell veranlasste die Gruppe, sich neu auszurichten, den Sound zu entschlacken und zu verdichten, mehr auf den Punkt zu kommen. Wach sein statt träumen. Auch die bis Mitte der 00er-Jahre nahezu unsichtbare Band öffnete sich der Welt, tourte ausgiebig, gab mehr Interviews, ja, Stuart Murdoch wurde zum Entertainer. Musikalisch gelang diese Entwicklung mal grandios („Dear Catastrophe Waitress“ 2003), doch zuletzt eher durchwachsen. Der Glam-Rock und der Soul standen den Songs nicht immer gut zu Gesicht und auch im Easy Listening stimmte nicht alles. Selbstfindungsschwierigkeiten …

Wohin also sich wenden? Stuart Murdoch greift auf seine Zeit als (Indie-Club)-DJ zurück und schickt das neue Werk mit dem drastischen Titel „Girls In Peacetime Want To Dance“ in die Disco. Nicht dass Belle And Sebastians Songs nicht tanzbar wären, nicht dass dies ihre ersten Ausflüge in diese Richtung wären („Electronical Renaissance“, „Your Cover’s Blown“ …), aber ein ganzes Album im tighten Discosound hatten sie noch nicht geschaffen.

Daran ändert sich auch hiermit nichts, denn so Disco wie der erste Appetithappen „Party Line“ ist die Platte nirgends und nur einige Songs glänzen im Spiegelballgewand, keiner aber so hell wie diese Single: Der Beat ist funky und direkt, der Song verrucht und knallig. Weiterhin, aber weniger Disco: das von Synthies umwolkte und etwas zu lang groovende „Play For Today“ mit Weltmusikanleihen und der immer wunderbarer werdenden Sarah Martin (apropos: Sarah Martin ist die Seele des Albums). „Enter Sylvia Plath“ ist der letzte nahezu reine Disco-Track, der noch am ehesten den Eurodance-Verdacht erhärtet.

Die restlichen Songs sind mehr Pop denn Dancefloor-Füller. Belle And Sebastian schunkeln sich durch den Refrain von „The Everlasting Muse“ („She says: Be popular/ Play pop and you/ will win my love“), Stuart Murdoch singt in der Ich-Perspektive im konzentrierten Eröffnungssong „Nobody’s Empire“ über seine chronische Erschöpfung und wie ihn die Musik heilte. Zudem gibt es orgelnden 60er-Garagerock („Allie“: „The tricks in your head are alive“) und Popsongs mit elegantem („The Power Of Three“, „The Book Of You“ – Sarah Martin!) bis schwammigem Easy-Listening-Einschlag („The Cat With The Cream“ und das durchschaubare „Ever Had A Little Faith“). „Perfect Couples“ möchte nach Talking Heads klingen, schafft es allerdings nicht.

Was sind Belle And Sebastian also heute? Weniger und vieles. „Girls In Peacetime Want To Dance“ ist fokussiert und gekonnt, zugänglich wie ein Fleetwood-Mac-Album und so direkt, wie Sanftmut sein kann. Das rundet das Album ab. Mehr Disco, mehr Wagemut, mehr Richtung hätten gut getan und aus einem schönen ein grandioses Album werden lassen. In Anbetracht früherer Großtaten und des Stilbewusstseins der Band ist das aber ein Makel auf hohem Niveau. Belle And Sebastian machen die Welt nach wie vor ein bisschen erträglicher und darüber darf man sich ruhig freuen.

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