Man munkelt, dass bereits die nervösen Zuckungen des „Halloween“-Soundtracks nicht bloß Filmfans die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Denn John Carpenters Filmmusik war seit jeher nicht bloß Souffleuse für das visuelle Geschehen auf der Leinwand, sondern gleichberechtigter Teil eines Gesamtwerkes. Mit dem nötigen geschichtlichen Abstand darf man durchaus das Wörtchen „ikonisch“ nutzen, um das Schaffen dieses Universalkünstlers zu charakterisieren, der als Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler und Komponist zugleich tätig war – und mit 66 Jahren überraschenderweise weiterhin ist.

„Lost Themes“ ist ein Kompendium, das erste Album, das nicht in direkter Anbindung zu einem Film steht. Quasi sein Best-Of unveröffentlichter Skizzen und Ideen, die er zusammen mit seinem Sohn in den letzten Jahren zur Songreife gebracht hat. Die Titel der Stücke lauten „Abyss“, „Purgatory“ oder „Night“, versprechen wohligen Schrecken und Erleuchtung durch Finsternis. Noch nie hat John Carpenter mit Effekten jeglicher Couleur gespart und mit filigraner Subtilität überzeugt. Entsprechend stellt sich auch das aktuelle Werk diesbezüglich nicht ins Abseits; es wird hemmungslos drauflos musiziert: Klaviergeräusper trifft auf Out-of-fashion-Synthesizer und dumpf-bollernde Beats auf ein komplettes instrumentales Obskuritätenkabinett. Auf „Vortex“ grätscht auch noch eine E-Gitarre ins Geschehen.

Hat man sich mit derlei überladender Auslage erst einmal angefreundet, entdeckt man neben viel Staffage und anbiedernder, aber nicht richtig zündender Grusel-Deko die spannende Seite dieses Albums: „Lost Themes“ funktioniert ganz wunderbar als musikalischer Katalysator für die eigenen Bilder im Kopf, ist hoch anregend und ermächtigt und ermutigt, eigenen Imaginationen und Gedanken nachzuhängen. „Mystery“ gefällt sich dabei in sakralem Aufbau und ornamentaler Rahmung und erinnert mit wabernden Synthies an alte, klaustrophobische Vermessungen der menschlichen Empfindungen. Fast nebenbei gewinnt man Gefallen an der lässigen Griffigkeit der meist moll-dominierten Melodien. „Obsidian“ mäandert prächtig in stetem Fluss und bildet in seinem komplexen Aufbau bis hin zur drängenden Auflösung keine Ausnahme. „Wraith“ hingegen verbindet feine Tröpfchenbeats und orchestrale Synthesizer, die in atmosphärischer Durchdringung eine Liaison eingehen, die beim typischen „Fallen“ leider zum Ende nur mit Mühe gelingen.

Einige Male geraten die Songs zu pathetisch, sind schal verblendet mit sämigen Synthies wie auf „Domain“ oder werden im Verlauf mit Beats gefüttert, die man schon in den 90ern als urig bis schlimm empfunden hätte. Stets drängt sich der Eindruck auf, es sei zu viel gewollt worden – schon der Auswahlprozess der Tracks dauerte laut eigener Aussage des Künstlers entsprechend lange. Während einige seiner Frühwerke sich durch feingliederige Kompositionen auszeichnen, die weitaus Luft zum Atmen haben, kleistert John Carpenter mit seinem Team die aktuellen Tracks mit Sounds zu, die das Werk überladen wirken lassen und Mal um Mal auf dem Grat zur eigenen Karikatur wanken. So richtig böse mag man ihm dafür nicht sein, war doch der Erstkontakt mit digitalen Sperenzchen mit über 60 Jahren nicht unbedingt anbindbar an aktuelle Produktionsweisen und atmet daher ein nostalgisches Flair. Das jedoch steht fast konträr zur Luftigkeit, Intimität und offenen Resonanz der früheren Produktionen mit Bernard-Herrmann-esker Spannung. Auf „Lost Themes“ appelliert hingegen ein Altmeister mit ganz anderen Mitteln und epischer Geste an die Imaginationsfähigkeit der Hörer. Mike Oldfield und Giorgio Moroder würde es sicherlich gefallen.

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