ObjektFlatland

Die Enttäuschung folgt auf dem Fuße, spätestens jedoch beim ersten Hören: Ein überragender Düsenantrieb-IDM-Funk-Track wie „Ganzfeld“ von der erst im September erschienenen Split-EP mit Dopplereffekt findet sich auf dem Debüt des Berliner Produzenten nicht. Hier würde Derartiges auch wie ein ulkiger Querulant wirken: irgendwie gern gesehen, aber letztlich nerviger als zunächst angenommen. Vielleicht wäre es sowieso etwas zu gedehnt gedacht, dass das Globo-Label PAN nun auf Killer-Singles setzt, anstatt entlang seiner bewährten Linie weiterzuschreiten und konzeptionell einheitliche Alben zu veröffentlichen. „Flatland“ betört mit anderen Qualitäten.

Objekt reiht sich ein in eine illustre Reihe von elektronischen Experimentalkünstlern und entfernt sich dabei rasch und weit von sorgenfreier Durchschnitts-Deepness. Auf „Flatland“ wird akustisches Mapping betrieben, ein akribisches Abarbeiten am Ton selbst. Auf einmal ist fast alles gleichzeitig wichtig: die Idee, das Material, der Prozess, der Raum, der Rezipient und der Künstler. So verbiegt sich beispielweise „Agnes Revenge“ wie ein frisch geschmiedetes Hufeisen in der Gluthitze und wird mit Sägewerk-Geräuschen aus entfernten Galaxien verbandelt. Kann man machen, klingt aber dann auch so – in diesem Falle: in großer Geste ausgewiesen museal. Hier kann der Hörer kontextualisieren, eigenen Gedanken nachhängen und auf Entdeckungstour gehen. Zum Glück hat der Künstler in den Vitrinen vorher sorgsam aufgeräumt, sodass das Werk wie von der tonnenschweren Last befreit wirkt, die es mit sich herumträgt.

„Dogma“ klimpert, sirrt, fiept, stolpert und fängt sich fast lässig. Tracks wie das sensationelle „One Fell Swoop“ (nur echt mit Krankenhaus-Herzschlag-Beat) hören sich an wie in tausend Teile zerbrochene Scheiben, in denen sich schillernd und durchaus erhaben das Licht bricht und hunderttausende neue Impulse setzt. Seine geometrischen Formgebungen sind nie eindeutig, nicht quadratisch oder rund, was das Album fordernd gestaltet. Objekt verhandelt auf „Flatland“ Dekonstruktions- und Umformungsprozesse: Immer geht den Stücken ein sorgsamer Denkprozess voraus, Intuition und Bauchgefühl haben hier wenig Platz, was die Einsatzmöglichkeiten in den Clubs minimiert.

Das Dazwischen ist die Heimat des Berliners – und sein Konzept geradezu radikal. Thema des Albums ist die Gleichzeitigkeit von Prozessen: Multiperspektivische Annäherungen an Klänge aus abstrakter Diffusion und konkreter Fassbarkeit von Beats, Nähe und Weite sowie die Verzahnung von Vergangenheit und Aktualität. Wir hören im Kern der Tracks Kinderstimmen, die vaporisiert und zerdehnt nur als nostalgische Spur eingeflochten werden oder hypnagogische Traumschleifen, die eine wie auch immer geartete Erinnerung wachhalten.

Während es dem Album etwas an idiomatischer Handschrift mangelt, sind die eklektischen Raubzüge umso ergiebiger. Objekt nimmt reihenweise Aktualisierungen vor, zitiert vor allem englische IDM-Künstler wie μ–Ziq oder Plaid, aber unternimmt auch einen großen Brückenschlag zu den Klangexperimenten von Robert Henkes Monolake. „Flatland“ erweist sich dabei als ziemlich aufgeblasene eierlegende Wollmilchsau, die komprimiert die elektronische Musik der letzten 20 Jahre zusammenfassen will – und das durchaus schafft, wenn man den Techno-D’n’B-IDM-Bastard „Ratchet“ als Beweisgrundlage sieht. Man vergisst so manches Mal, dass hier statt algorithmischer Berechnung ein Mensch die Entscheidungen trifft. Klicker-Leckereien werden wie bei „Interlude (Whodunnit?)“ mit Hypnagogik-HipHop gekreuzt und nur kurze Zeit später entschwebt Objekt in neblige Synthies und digitale Staubwolken, die Boards Of Canada in Cumulus-Form grüßen.

Objekt ist vor allem ein aufmerksamer Lerner, der es wunderbar versteht, aus seinem Wissen die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, um den Hörer ein wenig schwindelig zurückzulassen. Seine Datensätze sind voller spinnerter Rhythmen, interessanter Verwinkelungen und durchaus präsent kälteverzogen. Nie aber sind sie texturüberladen und anmaßend. Das ist das größte Kompliment, das man einer Platte machen kann, unter deren pergamentener Oberfläche permanent das Schlaumeiertum des Künstlers schimmert.

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