Gleich den Lesungen ihres Sängers und Texters, des inzwischen sehr erfolgreichen Literaten Sven Regener, funktionieren Element Of Crime durch und über Erwartungshaltungen: Wo dort spröde Pointen und kauzige Kommentare erwartet werden, sind es hier melancholische Lebensweisheiten, eckig verpackt und lakonisch vorgetragen, von zurückhaltender Gefühligkeit lebensgewandter alter Männer musikalisch ausgeschmückt, mit denen fest zu rechnen ist. Da weiß man, was einem bevorsteht, da kann man schon mal anfangen zu schmunzeln beziehungsweise zu seufzen. Die Erwartungshaltung trägt die Wahrnehmung und reproduziert sich erwartungsgemäß selbst. Oder: der Luxus der treuen Anhängerschaft.

Fast 20 Jahre sind Element Of Crime schon alt und langsam holt Regeners tatsächliches Alter (53 Jahre) seine Lebensweisheit ein. Er fühlt sich so merkwürdig wohl in seiner Rolle als Medienintellektueller, dass er eher wie ein singender Autor denn als schreibender Sänger wirkt. Aber die Literarität von Element Of Crimes Texten ist nicht nur der treuen Anhängerschaft bekannt. Unter anderem sie hat es ermöglicht, die Band gemütlich musizieren zu lassen. Das können die Berliner, das dürfen sie und dabei können sie nicht viel verkehrt machen.

So klingen sie denn auch: entspannt, zurückhaltend, elegant. Der Sound von Element Of Crime nimmt sich wie eh und je zurück, ist Folkrock mit Kneipenjazz gewürzt, herbes Bier, mit Regeners verrauchter Seebärenstimme und seiner Trompete als Schaumkrone obendrauf. „Lieblingsfarben Und Tiere“ fließt wie aus einem Guss die Kehle herunter, lässt sich Zeit dabei, wichtig zu werden und ist unspektakulär wie Stil nur sein kann. Und es kann wie in „Rette Mich (Vor Mir Selber)“ auch schunkelig werden. (Das alles gilt auch für Trunkenheit.)

Damit sind wir auch schon bei den Zeilen, die der singende Schreiberling Regener darbietet. Diese Zeilen wirken beim ersten Hören so ungelenk und alltagstauglich, dass sie an der Pforte zur Banalität zu klopfen scheinen. Regener zieht den romantischsten Schluss aus den unscheinbarsten Momenten, zum Beispiel Sonnen so rot wie ein Marmeladenbrot oder das Wiedersehen im Baumarkt. Seine Lyrik birgt erst im Inneren die warmen und bunten Herbstblätter, dabei ist er sich allerdings an manchen Stellen seiner metaphorischen Treffsicherheit zu sicher: „Nichts ist so kalt wie der heiße Scheiß von gestern.“ Vanitas und Mode schön und gut, aber wie aufdringlich und direkt das sprachliche Bild doch müffelt! (Dann lieber warme Herbstblätter …)

„Lieblingsfarben Und Tiere“ könnte auch „(Moderne) Kommunikation Und (Kaputte) Liebe“ heißen, wenn man den Texten lauscht: Es muss schon viel schief gehen, damit das Festnetztelefon benutzt wird. Aber zum Augenschließen braucht es kein Skype, keine Emails und SMS, ja nicht einmal Excel- und Worddateien. Dann schon lieber „Lieblingsfarben Und Tiere, Dosenravioli Und Bier“. Zweifel am Miteinander nähren dessen Bedeutung und Floskeln verpuffen: „Der Nächste, der mich fragt: „Was geht?“, verliert.“ (aus: „Dunkle Wolken“). Romanzen spielen sich direkt durch „Reden und Rauchen/ und Lachen und Zittern“ ab und „Am Morgen danach“ sind „wir beide“ noch da. Das kann der Regener: Liebe besingen, die mehr wunderlich als wunderbar verklärt ist. Zweifel und Unsicherheit sind essenzieller Teil des Spiels, das die Menschen Liebe nennen.

Und dabei kommt der Wortfluss an: Auch wenn Liebe kälter ist „als der Tod“, kommt jeder angemessene Sinn für Romantik gern der Aufforderung „Reich mir deine Hand, wenn Hände selten/ und Worte überflüssig sind“ nach, besonders gern zum dezenten Gitarrensolo in „Dieselben Sterne“. „Lieblingsfarben Und Tiere“ ist mehr Poesiealbum als Platte, mehr Zusatz als Hauptsache, mehr Geschmack als Innovation. 10 Songs, die den Kanon der Band ergänzen, aber nicht über den Haufen werfen. Es sind Element Of Crime und weil sie es sind, dürfen sie es und sollen es auch gern weiter sein. Die treue Anhängerschaft sei Sven Regener und seiner Band gegönnt, die voreilige Begeisterung haben sie sich verdient und gern darf mitgemacht werden. Mit der Faust in der Luft: Romantik!

2 Kommentare zu “Element Of Crime – Lieblingsfarben Und Tiere”

  1. Johannes sagt:

    Die Band ist sogar fast 30 Jahre alt. ;-)

  2. 30 Jahre, wohl wahr. Bei Element of Crime scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Danke für die Korrektur!

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