Man kennt das. Man kauft sich einen Monet und platziert ihn stilvoll in der Wohnung, da merkt man: Das sind ja nur wirre Striche! Farbchaos! Und das auch noch ungelenk! Erst bei genügend großer Entfernung lassen sich Form und Tiefe erkennen. Aus scheinbar beliebigen Ausrutschern mit dem Pinsel werden vertraute Motive. Man glaubt, Sinn in dem Gekritzel zu erkennen.

Auf irgendeiner Ebene lässt sich das auf Lower Plenty übertragen. Der erste Höreindruck erscheint tatsächlich wie das Betrachten eines Monet: chaotisch, wirr, unverständlich. Aber anders als das Gemälde braucht die Musik der Melbourner Formation keine Entfernung des Hörers, sondern seine uneingeschränkte Nähe. Am besten kommt man den Musikern so nah, dass es schmerzt.

Und das wird es: Auf „Life/Thrills“ spitzt die Band das, was sie mit den beiden Vorgängeralben „Mean“ und „Hard Rubbish“ begonnen hat, weiter zu. Scheinbar ungestimmte Gitarrensaiten treffen auf eine Menge Dissonanzen vor arrhythmischem Hintergrund. Avantgarde, Baby! „Life/Thrills“ ist die Feier der Destruktion, und dies mit bis zum Exzess ausgereizter Freiheit, die eben auch ihre Tücken mit sich bringt. Keine Regeln, keine Grenzen, man fühlt sich buchstäblich „[like] a kid on an empty street“ (“Concrete Floor”). Es ist hörbar gemachte Orientierungslosigkeit.

Nur die Stimmen von Jensen Tjhung und Sarah Heyward in ihrer süßen Naivität erlauben dem Hörer eine blasse Fährte. Folgt man dieser, wird man mitgenommen in einen Prozess des Zerschlagens von Gängigem. Zwar sind nämlich die üblichen Instrumente einer Folkband anwesend, allerdings wird das Konzept „Folk“ oder „Folkpop“ ad absurdum geführt. Das Einzige, was als Genrezuweisung bleibt, ist Lo-Fi, drahtig und sperrig, aber alles andere als beliebig. Gekonnt und strukturiert entsteht aus Splittern und Fetzen ein Soundkomplex, der etwa bei „Waiting On A Tram“ eindrucksvoll die Langeweile des Wartens illustriert oder mit „Garden“ Mystik ob der „flowers in our garden“ versprüht und an ewige Vergänglichkeit zu erinnern vermag. Dunkle Romantik, die verklärt und gleichzeitig Fehlbares aufdeckt. Plötzlich erkennt man in der ganzen Zerstörung die Schönheit, die sich keineswegs zu sehr anschmiegt, einen niemals zu nahe kommen lässt und immer ein wenig Schmutz aufwirbelt.

„Life/Thrills“ fühlt sich ein Bisschen so an, als hätte man sich in eine schrottreife Rostlaube gequetscht und würde gemächlich, aber wissend dem Abgrund entgegen fahren, darauf wartend, endlich die Bodenlosigkeit unter sich zu spüren. Im Kofferraum ist bestimmt auch Platz für den guten Monet, den Anarchisten, mit all den zitternden Strichen und Farblinien. Im allerletzten Augenblick, kurz vor dem freien Fall umarmen sich Monet und Lower Plenty auf eine ganz abstruse Art und Weise, fordern von ihren Rezipienten Nähe oder Ferne, oder die Gleichzeitigkeit von Beidem und schreien es im Chor: „You pushed me to my end!“

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