White HinterlandBaby

Ihr drittes Album startet mit einem Beweis: Die Stimme von White Hinterland aka Casey Dienel trägt und trifft. Knapp eine Minute singt sie einleitend „Wait until dark“, bevor das Klavier sie begleitet. Eindringlich. Pur und fast ein wenig roh. In Zeiten überproduzierter und „gewollter“ Alben fällt so etwas natürlich auf. Ins Ohr. Und verhakt sich dort. Macht aufmerksam. Ein nahezu nacktes Intro also, das nahtlos in den nächsten Track überführt. Bei „Dry Mind“ geht es schon weit bunter und munterer zu, Diesels dominante Stimme bekommt loopige Freunde, die sie umwickeln und umfangen. „I am the pocket knife in the neck“ – es sind viele unangenehme Versprechen, die sie da einem scheinbar einst geliebten Menschen gibt. Er sollte Angst vor der Dunkelheit haben, wenn man ihr so zuhört.

Es sind Songs wie „Ring The Bell“, die das Album immer wieder ungeheuer catchy machen, ohne dass das Prädikat Pop endgültig in den Raum treten könnte, denn dazu ist Dienels Eigenproduktion mit zu vielen Unwägbarkeiten gesegnet. „Baby“ ist nicht gefällig, aber es gefällt. Es bricht Tempi und Stimmen, es hält inne an Stellen, an denen man das nicht erwartet. Der Hörer wird bewusst immer wieder ins Stolpern gebracht, wenn er zu sehr in die Konsumhaltung gerät.

Dienels musikalische Prägung begann mit vier Jahren am Piano und professionalisierte sich in Boston im Musikstudium, wo sie auch schon (wie so einige andere) in Tiger Saw spielte. 2008 gab Dienel bekannt, dass es sie unter eigenem Namen nicht mehr geben werde auf den Bühnen dieser Welt. Sie firmiert nun als White Hinterland und erlangte mit dem Vorgängeralbum „Kairos“ einen kleinen Fameeffekt als Begleitmusik eines Kosmetikwerbespots, aber viel mehr noch als Teil des Soundtracks von „It´s Kind Of A Funny Story“, einem an dieser Stelle als sehenswert platzierten Film.

Songs wie „David“ und „Sickle No Sword“ sind es, die das Beste an White Hinterland herauskehren. Piano und ihre teilweise choral begleitete Stimme nehmen den Raum in Beschlag, in den sie klingen, und lassen es dort melancholiedurchflutet regnen. Das Titelstück ist viel verstolperter und vertrackter, steigert sich, um dann sekundenlang fast verzweifelt und nur stimmlich „Is this my weakness?“ zu skandieren. Immer wieder führt White Hinterland auf das Glatteis. Man meint, den Song voraus zu ahnen, aber dann kommt es doch wieder anders. Dienel arbeitet sich ab an den Erfahrungen, die das Leben ihr in den Weg stellt. Auch fast jazzige 70er-Eskapaden wie „Metronome“ können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Album sich vor allem auch mit den düsteren Seiten des Lebens beschäftigt. Sehr offen geht Dienel mit dem Thema Depression um und bezeichnet die Jahre 2012 und 2013 als die prägendsten in ihrem Leben. Wie so oft sind es der Schmerz und die dunklen Seiten des Menschen, die zu Kunst inspirieren.

Dabei kommen Dienels Songs im Arrangement fast immer leichter daher, als die Texte zu berichten wissen. Es ist eben nicht schwarz, und auch nicht weiß, was sie uns da präsentiert, reduzierter als die Vorgängeralben, die weit tiefer in die Instrumentierungskiste griffen. Dienel nimmt sich Zeit, nicht wenige Stücke benötigen fünf Minuten, um den letzten Ton verklingen lassen. Joni Mitchell, Björk, Fever Ray – alles Vergleich, die ihre Berechtigung haben, es aber nicht wirklich treffen. White Hinterland hat ihren ganz eigenen Stil und kann stimmlich dabei das Gehör manchmal ganz schön strapazieren, weil sie mit gewohnten Hörmethoden bricht, nicht leicht zu erfassen ist. Komplex lässt sie in „White Noise“ ihre Stimme gegen Bläser-, Choral- und Synthesizerteppiche ankämpfen, die sich parallel gegen sie aufzubäumen scheinen. „Baby“ ist kein Album, das sich schnell erfassen oder konsumieren lässt. In voller Länge gehört, lässt es einen schon fast ein wenig erschöpft zurück.

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