„Because I’m desperate here, a couple steps from the edge. I can’t seem to burn bright enough. I’m cold and I’m left alone. We’re all alone.“ Dies ist nur einer der ersten von vielen emotionalen Tritten in die Magengrube, die das zweite Album von The Hotelier prägen. Vom textlich noch reichlich unausgegorenen Pop-Punk ihres Debüts, das es unter dem Namen The Hotel Year herausbrachte, hat sich das Quartett aus Massachusetts zu einer musikalisch reiferen und erheblich ausdruckskräftigeren Band entwickelt.

Nicht gegen einen skatepunkigen Upbeat, wie er noch die erste Hälfte von „In Framing“ antreibt, doch die Gitarren um Bassist und Sänger Christian Holden suchen zu sehr das Spiel in die Breite, als dass ihnen eine derartige Stilbeschränkung auf Dauer gut stünde. Vor allem Holden blüht auf, wenn The Hotelier wie in „The Scope Of All This Rebuilding“ ihren Spielfluss durch Breaks und Tempowechsel nervös variieren, hier kann er seine leicht nasale Stimme in intensiven Ausbrüchen erheben oder über ruhigere Sequenzen nüchtern bis leise resigniert in Sprechgesang fallen lassen. Oft in zweiter Person erzählen seine Texte von Depression, kaputter Heimat und selbstzerstörerischer Unzufriedenheit mit körperlichen Eigenbildern, doch nicht derart konkret, dass sich daraus eine lückenlose Narrative über das Album stricken lässt. Dennoch legen vor allem die ersten Songs eine Sequenz anhand, wenn sie impressionistisch nach der Depression und dem Selbstmord einer Person in „Your Deep Rest“ kulminieren.

Dessen Refrain „I called in sick from your funeral. The sight of your body made me feel responsible“ allein hätte schon einen Eintrag in den Emo-Annalen verdient, doch The Hotelier lassen ihn von einem anfänglichen leisen Wimmern mit jeder Wiederholung an Komplexität und kathartischer Intensität zunehmen. Auf den Refrain a capella und ein zweites Mal mit mit der Band im Rücken folgend, erinnert sich der schuldig fühlende Erzähler in einem ersten musikalischen Anschwellen noch einmal all dessen, was der/die Verstorbene über ihre Depression erzählte, bis zu ihren womöglich letzten Worten: „You said ‚remember me for me. I need to set my spirit free.’“. Sie führen nicht nur in den letzten Refrain, sondern werden auch im Anschluss untrennbar damit verbunden, wenn nach einem letzten schmerzvoll auftreibenden „You said ‚remember me for me’” die Musik aufhört und Holden resigniert enthüllt: ”I watched you set your spirit free.“

Wiederkehrende Motive wie Baumvergleiche („When you bend, when you break“, „Your branching off had met an end from all the weight that made you bend“) und eingerahmte Fotos als Erinnerung nutzt Holden eher spärlich, nur in „Housebroken” setzt er zu plump auf den bildlichen Vergleich von häuslicher Gewalt und einem gewaltsam domestizierten Hund. Drummer Sam Frederick vermag dies aber mit einem denkwürdigen Finale zu überschatten, in dem er fast eine Minute lang Anschlag für Anschlag frustriert auf sein Becken niederhämmern lässt. Wie mehrere Songs der zweiten Albumhälfte bekommt dieser im 3/4-Takt ein besonders starkes Emo/Posthardcore-Flair, wobei der Sound des Albums selbst im screamohaften „Life In Drag“ nicht auf poliert bollernde Wuchtigkeit setzt, andererseits aber von der kargen Rohheit eines „Wildlife“ eingängigen Abstand hält. Im Vordergrund stehen die varitionsreich texturierten Melodien und die Dynamiken aus Spielintensität und Timbre, die sich zwischen den Gitarren breit aufspannen und in der Mitte vom finalen „Dendron“ gar einen kurzen Lichtblick erlauben.

Im Wechselgesang mit verschiedenen GastvokalistInnen entspringt ein „Digging through the memories that made you feel alive when you were young“ aber nur der Resignation über ein Gefühl des Gefangenseins in einer Existenz, in einem Haus das keine Heimat ist. Implizit steht ein unnachgiebig Druck ausübendes kapitalistisches System als Urheber der meisten Depressionen zu Buche, doch auf „Home, Like Noplace Is There“ gibt es nur die Effekte in niederschmetternden letzten Worten zu hören, nachdem die Musik sich ein letztes Mal vergebens schreiend aufgebäumt hat:

Engraved in the stone by request and recurse of friends dead is:
„Tell me again that it’s all in my head.“

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