The Hidden CamerasAGE

Die Vergangenheit wird immer seliger, je weiter sie zurückliegt und die Traurigkeit immer größer, je mehr man sich an sie gewöhnt. Was diese erklären soll, begründet jene nur um so mehr.

Was war Joel Gibb selig! Selig und traurig, hungrig nach der Queersumme des Lebens, der Lust und der Liebe, wahnsinnig aus Leidenschaft und mit Herz und noch viel mehr auf seiner Zunge. Er glaubte aus euphorischem Trotz an das Gute im Leben. Er sang voller Jubel und Inbrunst von Gottes Liebe und sündigem Genuss. So forsch und weit traute sich kaum einer herein ins Lala-Land becircender Harmonien wie die Hidden Cameras auf ihren ersten Alben.

Die Jugendsünden Joel Gibbs sind nichts weniger als Gotteshymnen.

Doch wo einst himmelhoch gejauchzt wurde, blieben nur dunkle Wolken. Schon „Awoo“ wirkte reifer als seine betörenden Vorgängeralben, auf „Origin: Orphan“ erdrückte wagnersche Wucht gern mal alle sinnliche Lust. Ob das am Alter liegt? So wie Denker im Alter moralisch, mystisch oder, am schlimmsten, moralmystisch und Dichter moralisch oder schweigsam werden, wird Joel Gibb pathetisch beziehungsweise noch pathetischer.

„Age“ beinhaltet diesen Coming-Of-Age-Prozess genau so, wie es als Statement der Reflexion und Verantwortung (Joel Gibb, der Denker und Dichter) gedacht ist. „Gay Goth Scene“ wurde bereits vor über 10 Jahren als kleine Fingerübung geschrieben, am Ende stehen schmerzverzerrte Geigen, Chöre aus Leid, Rhythmen aus Verzweiflung, ein Ausschnitt aus Gibbs vokalischen Eskapaden und allerlei wirre Geräusche. So klingt die Angst der Eltern um das Abgleiten ihres Kindes in eine ominöse homosexuell-gotische Szene.

Die Songs auf „Age“ wirken manchmal wie eine in dunkler Stimmung getroffene Best-Of-Auswahl der Hidden Cameras: Wir haben die sakrale Skizze eines Songs, „Ordinary Over You“, gleich mehrfach die spät rhythmisierte Elegie („Year Of The Spawn“ sogar mit Bauhaus-Beat, das von Sonnenbrillentragenden Bienen umgarnte „Skin & Leather“ und das bereits beschriebene „Gay Goth Scene“), die kleine Spielerei am Rande circa „Awoo“-Phase mit „Brad For Brat“, wir haben den seit „Origin: Orphan“ ausgeprägten Hang zur billigen Elektronik im Synthie-Pop mit angemessenem Hitpotential, „Carpe Jugular“. Joel Gibb beherrscht sein Handwerk, ihm werden (hoffentlich) immer die Hits aus dem Ärmel purzeln.

Ein paar Besonderheiten bedürfen dann aber doch der Erwähnung: Das ewig lange und sehr entspannte „Afterparty“ mit Reggae- und Dubstep-Querseite, dessen Chilligkeit mir besonders beim ersten Hören negativ auffiel (es nervte) und das inzwischen zwar etwas erträglicher geworden ist, aber immer noch der Ausreißer nach unten auf „Age“ ist (na gut, eventuell spricht nur der Fanboy aus mir und kleine Pluspunkte gibt’s, da Experimentalbonus). Zudem ist da die episch aufgeblasene reine Retrospektive mit obligatorischem Titel, „Doom“, unter dem ein inzwischen vergangenes adoleszentes Lebensgefühl nachgezeichnet wird: „We have bills to pay/ and parties to attend/ But all we do/ is hold the dirt“, „And if art we are/ we learn where’s the bar“, „We fool ourselves/ in thinking this is happiness.“ Hedonismus ist mehr als ein Hobby, aber wer es damit ernst meint, muss den Preis der fehlenden Passung und der daraus entspringenden Verzweiflung und Angst zu bezahlen bereit sein, denn sie sind Teil des Vergnügens. Lust ist eine ernste Angelegenheit. Und was ist schon eine Party ohne Schmerzen hinterher? Die Sünden wiegen schwer und Leiden kann man nie genug.

Ich wünsche Gibb und uns den Spaß zurück und betrachte wohlwollend, aber nicht mehr mit Hingabe und Begeisterung, seinen wahnsinnigen Sinn für Popmelodien aka große Gefühle in catchy tunes. „Age“ ist immerhin gut und interessant und wenn eine Band einen Stein im Brett hat, dann ja wohl die Hidden Cameras! Einer von uns ist älter geworden, Joel Gibb sicherlich, wir bestimmt auch, vielleicht sogar alle und in einem fort. Man möchte ihm zurufen: Mensch, Junge, Kopf hoch! Die Zukunft kommt bestimmt.

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