TellavisionFunnel Walk

Die Freude, mit etwas Unbekanntem zunächst einmal nichts anfangen zu können, ist der Kern des Interessanten. Tellavision ist sehr interessant, weil sehr schwer in Worte zu packen. Was aber ist das nun und was soll das?

Fee Kürten heißt die Künstlerin, die sich hinter Tellavision verbirgt. Die klangliche Ebene ist nicht ihr einziges Steckenpferd, denn sie studiert Freie Kunst in Hamburg. Soll heißen: Optik und Akustik liegen ihr so nahe wie generell DIY, Selbstbestimmung, Kontrolle, Vision. Finanziert via Crowdfunding (die Crowd ermöglicht durch ihre Vorbestellungen größerer und kleinerer Produkte zum Album, von CD bis Katzenbetreuung oder Haareschneiden zum Beispiel, die Veröffentlichung der Platte) erscheint nach „Music On Canvas“ aus 2011 nun ihr zweites Album „Funnel Walk“.

Soweit, so klar. Der Nebel zieht erst bei der Musik auf. Hardware-Post-Pop? Vielleicht noch ergänzt um Blues oder Soul? Dekonstruierte Skelette, die miteinander tanzen vielleicht? Ein entschleunigt vibrierendes Discokugelmeer im Wohnzimmer? So in etwa.

Die dunkel verhallte Stimme Kürtens ist da noch die direkteste Komponente. Sie singt ambivalente, verschlungene Zeilen über Liebe und Hass, Kontrolle und Kontrollverlust, das poetische Scharwenzeln um verzauberte Verneinungen. So in etwa, Richtung Fever Ray oder auch eines männlicheren (aber nicht männlichen!) James Blake. Aber keine Sorge, Tellavision ist nur im Ansatz und ein bisschen pastoral. Die Musik entsteht aus allem, aus Computern, Gitarren, Dosen, die als moderne Hausmusik im Laptop übereinander geschichtet und von Kürtens Stimme und Stimmen als Songs zusammengezimmert werden zu etwas, das vage Pop sein könnte.

Vager Pop, ja. Zum Schweben in der Nacht. Zum baffen Staunen am Tag. Mehr Downer als Upper. Und wenn schon up und Pop, dann mit rhythmisch festem Klickklack, das sich als Beat langsam steigert und ausformuliert bis zu einem Hauch von Ekstase. Klapp, klapp, „15 Miles“. Klapp, klapp, „Is This Soup Or Sauce“. So wie „Singularity“ könnte eine auseinandergenommene Disco klingen, inklusiver seelenrettender Orgel (da ist es, das pastorale Element!). „Haters You Love“ ist nicht nur so rhythmisch, sondern auch so eingängig, dass es ein Hit sein könnte. Vielleicht sogar ein Post-Hit.

In „Sub Species“ wird die Gitarre nach der Hälfte des Tracks vom Beat überrannt, so dass die rauen Winde des Blues feierlich wehen. Als sphärische Stücke seien erwähnt: Die verzerrte Folk-Ballade „Cruel Kids“ unter klarem und verfremdetem Himmel, das Wabern des Weltraums und sein Widerhall in unseren trägen Gemütern, („Haller“: „It is easy to use the reverb/ so why not use the reverb“ indeed!) und das langsam bis zum Robotermonolog sich entfaltende „Betony“.

Verschlungene Pfade, gebrochene Erwartungen, ein schwer zu fassendes Erlebnis, ein Ertrinken in Sound, das könnte Tellavision sein. Das ist eine Menge und das ist schwer zu beschreiben, dafür (und deswegen) ergreift es aber umso mehr, hält gefangen und macht gleichzeitig keine Gefangenen, fesselt ohne zu binden, pulsiert ohne zu rauschen, ergreift ohne zu fassen. Tellavision ist in etwa der Vorbote der Erkenntnis, vielleicht sogar des Eräugnis.

Ein Kommentar zu “Tellavision – Funnel Walk”

  1. […] siehe auch: ‘Funnel Walk’ Rezension von Sebastian Schreck bei auftouren.de […]

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