San FerminSan Fermin

Vor ziemlich genau drei Jahren habe ich anlässlich der Wiederveröffentlichung von „The Nightmare Of J.B. Stanislas“ des großartigen Nick Garrie eine kurze Bestandsaufnahme über barocke Pracht und Opulenz in der zeitgenössischen Poplandschaft gewagt und einige Hochkaräter in die Waagschale geworfen. Keine Frage, die damals genannten Namen passen nach wie vor ins Schema, jetzt haben sie jedoch ihre Meister gefunden: San Fermin aus Brooklyn.

Wenn man einen gewaltigen Stier auf das Cover seines Debütalbums packt und sich nach den jährlich in Pamplona stattfindenden Festlichkeiten rund um das legendäre Stierwettrennen benennt, zeugt das schon von einem gewissen Hang zu innerer Stärke. Mit wehenden Fahnen und einem schier unheimlich wirkenden Ideenreichtum lassen Komponist Ellis Ludwig-Leone und seine zahlreichen Musikanten, Sänger und Ideengeber keine Sekunde Schwäche erkennen.

Es ist die Vielfalt in Klang und Komposition, die dieses prachtvoll ausgeschmückte Album zu einem farbenprächtigen Spektakel werden lässt. Schon „Renaissance!“, Aufgalopp und Wegbereiter gleichermaßen, schwelgt unter der sonoren Stimmführung von Allen Tate irgendwo auf der Schwelle zwischen The-National-Elegie und Grizzly-Bear-Experiment. Es ist hierbei nicht verwunderlich, dass die Stücke von klassisch anmutenden Versatzstücken eingerahmt werden, die durch die Zusammenarbeit mit Nico Muhly verdienten Meriten lassen sich immer wieder auf „San Fermin“ entdecken.

Auf dem Album reihen sich diese einrahmenden, häufig nur choral begleiteten instrumentalen Stücke zwischen die „richtigen“ Songs ein, ohne Brüche zu verursachen. So wird aus dem engelsgleichen „True Love, Asleep“ das erzählerische „Oh, Darling“, welches wiederum über das kurze Instrumentalstück „In The Morning“ in „Daedalus (What We Have)“ mündet und die sachten und fragilen Klänge in einen fulminanten Popsong umwandelt. Dieses Wechselspiel zeigt gleichzeitig die unglaubliche Wandelbarkeit in San Fermins musikalischem Œuvre an. Dabei ist die markante Stimme Allan Tates und die Virtuosität der Instrumentalisten immer präsent, wird jedoch unheimlich oft in anderen Stimmungsbildern präsentiert.

So schimmern aus „Crueler Kind“ und dem mitreißenden „Sonsick“ Dirty Projectors hervor, das herausragende „Methuseleah“ ist eindringlichster Folkpop der ersten Güte und von den seltsam dissonanten Anklängen in „The Count“ kann man sich wundernd die Ohren durchpusten lassen. Es ist ein wenig wie ein Blick durch das Kaleidoskop, dessen Farbpracht auch durch ein wenig Schütteln immer wieder in einen neuen Zusammenhang gebracht wird und dabei dennoch im gleichen limitierten Raum bleibt. Dass dieser Raum bisweilen von bis zu 22 Musikern gefüllt wurde, hört man dem Album dabei zwar an. Die Gefahr, dass „San Fermin“ dabei zum orchestralen Overkill wird, besteht allerdings aufgrund der feinen Nuancen innerhalb der Arrangements keinesfalls.

„San Fermin“ überzeugt in diesem Zusammenhang als moderner Wiedergänger barocken Popgefühls, ohne dessen Anmutung in vollem Umfang zu zitieren. Sicher fühlen sich Musik und Text in vielen Momenten wie aus der Zeit gefallen an, auch die Verweise auf historische, poetische und vor allem befindliche Begebenheiten könnten auf reine Wiederaufnahme schließen lassen. Doch San Fermin überzeugen eben nicht nur der äußeren Form nach, sie dringen auch nach innen hinein und sorgen ständig für das Gefühl des inneren Triumphs. Diese Strahlkraft, gleich dem erlösenden Gefühl, es doch vor dem entscheidenden Knall ob Sieg oder Niederlage ins Ziel geschafft haben, überwiegt alles andere.

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