Vor lauter Bäumen

Wenn man anfängt, nach der Rückkehr vom Ausgehen umgehend seine Klamotten zum Auslüften nach draußen zu hängen, sollte man sich Gedanken über seine Hörgewohnheiten machen.

Warum? Das ist das Gesetz der Einleitung. Ohne so einen Satz bekommt niemand den Drang, dem Text zu folgen, weil ja noch eine Begründung, ja ein Beleg für diese Behauptung erbracht werden müsste. Beides wird an dieser Stelle nicht geliefert werden.

Es ist einfach so: Ich kam gerade heim und habe genau das getan. Vor einigen Jahren hätte ich mich anders verhalten, ich wäre volltrunken in die Küche gestolpert, hätte mir etwas gekocht und wäre danach angekleidet auf’s Bett gefallen und so eingeschlafen. Da dies schon lange nicht mehr der Fall war, stelle ich fest, dass ich mich verändert haben muss. Und das könnte ja auch die Hörgewohnheiten betreffen.*

Wie und warum man Musik hört, sind sicher gute Überlegungen, um die es hier aber nicht gehen soll – sie würden noch weiter führen als die Frage, welche Musik man eigentlich hört. Das hat mittlerweile weniger mit einem Genre, sondern den Orten zu tun, an denen man sich über Musik informiert, siehe unsere Seite hier. Wir kennen einen Großteil der Musik, weil sie sich der Aktualität nach in Social Networks oder Blogs verfolgen lässt, die anhand ihrer Themenwahl sogar teilweise Festivals kuratieren können.

Das ist nicht schlimm und macht die Musik nicht schlecht, obendrein ist sie im Internet eh nur teilweise auf diese Art verfügbar. Trotzdem reicht ihre Menge dafür aus, dass sich niemand mit Gruppen jenseits von den in einigen Blogs erwähnten befassen muss.

Nehmen wir als Beispiel einmal die sehr guten Arcade Fire. Wer das Tun und Lassen der Band seit den bisherigen vier Alben regelmäßig verfolgt hat, konnte viel Zeit mit ihnen verbringen, ohne ihre Musik zu hören. Arcade Fire sind aber nicht die einzige Band, bei der das der Fall sein kann. Sehr viele gute Bands waren in den letzten Jahren nicht nur dann präsent, wenn sie Alben veröffentlicht haben. Da gibt es immer wieder die verschiedensten News und Aufhänger, Videoclips, Fernsehauftritte, Teaser, Streams, Coverversionen, Downloads, Remixe und Tourneen, und zu all dem dann auch gerne mehrere News. Pitchfork in etwa begnügte sich neulich nicht mehr damit, zu sagen, irgendwer habe in einer Fernsehshow einen bestimmten Song gecovert, es wurde auch noch angekündigt, dass dies geschehen werde. Informiert sein bedeutet heute mehr als die Musik und die Künstlerbiographien in Ansätzen zu kennen. Kein Wunder, dass es manchmal etwas anstrengend wird, zumindest mir geht es so. Meine Aufnahmefähigkeit ist begrenzt, dazu noch schmeichelt es mir nicht mehr, Bescheid zu wissen, weil das vor allem aufgrund von Social Networks alle gleichzeitig können.

Keinesfalls sollte Musik aus Gründen der Distinktion gehört werden, aber der Reiz einer Entdeckung ist dann größer, wenn man sie allein (oder sogar als vermeintlich erster) und vor allem unvorbereitet macht, was zum Beispiel bei Arcade Fire beinahe unmöglich wurde. Die Spannung angesichts der kommenden Veröffentlichung wurde hier auf zahlreiche kleinere Ziele gelenkt, die Aufmerksamkeit immer wieder durch einen Teaser oder Fernsehauftritt in Beschlag genommen. Als das Album dann erschien, konnte es gar keine wirkliche Überraschung mehr geben, es gab einfach die Möglichkeit, die eigene Vermutung zu überprüfen. Irrte man sich („Die neue Arcade Fire ist doch nicht so Disco-lastig wie gedacht“), so blieb davon nicht mehr als ein Schulterzucken oder „Hätte sie ruhig mal sein können“ beziehungsweise „Zum Glück“ übrig. Das sind Urteile und Einschätzungen, die sich auch deshalb aufdrängen, weil sie sich gleich der bisherigen kleinteiligen Spannung angesichts immer neuer News mitteilen lassen können. Man wusste vorher Bescheid und man weiß es auch jetzt gleich, ist die ganze Zeit über auf dem Laufenden – und das wird gezeigt, nicht nur bei Arcade Fire, sondern zahlreichen Bands.

Ein Problem ist das nicht, aber eine gänzlich unnötige Beschränkung. Das Internet allein dafür zu nutzen, auf dem Laufenden zu sein, hat nichts damit zu tun, es entsprechend der Möglichkeiten als Archiv zu gebrauchen. Das ist in ungefähr so, als würde man sich jeden Tag mit einer Tageszeitung in eine Bibliothek setzen und lesen, was eben gerade drinsteht, ohne einmal in die Bücher zu schauen.

Alben so zu hören, wie man Bücher liest hingegen könnte bedeuten, immer wieder unwissend und von vorne anzufangen. Die Handelnden sind unbekannt, sie werden ebenso wie ganze Welten erst aufgebaut, vom Tonfall der Sprache ganz zu schweigen. Je nach dem Zeitpunkt seines Erscheinens besitzt ein Buch andere Schwerpunkte als andere Zeiten und die Gegenwart.

Die Anfangs gestellte Frage, welche Musik man eigentlich hört, findet in diesem Fall zwei mögliche Antworten. Halten wir uns an Blogs und Social Networks, die meist nicht mehr als audiovisuelle Zeitungen im Foyer der Bibliothek, also des Internets sind, oder wenden wir uns dieser selbst zu? In den letzten Jahren konnte ich feststellen, dass Letzteres für mich reizvoller wurde, weil ich bemerkt habe, dass meine Neugier auf Musik nicht dadurch gestillt wird, Trailer kommender Alben zu sehen und Unwissenheit die beste Voraussetzung für Begeisterung ist. Ein Album aus den 1970ern wurde manchmal weniger erschöpfend beleuchtet als ein kommendes und kann deshalb eher zu einer persönlichen Erfahrung werden. Es ist das Neue ohne Aktualität, das nach gut 60 Jahren Pop den Reiz der Musik ausmacht und durch das Internet haben wir die Möglichkeit, sie zu erforschen.

Wir können uns von Trends emanzipieren und aus Musik mehr als ein saisonal aktualisiertes Accessoire machen, ohne gleich in Nostalgie zu verfallen, da sie womöglich eh schon so alt ist, dass sie nicht aus der Jugend des Hörers stammen kann. Es gibt sozusagen wieder ein wirkliches „Indie“ in der Musik, das nichts mehr mit Genres, Produktionsbedingungen und Vertriebswegen, sondern Präsenz und Aufmerksamkeit zu tun hat. Übersetzt man „independent“ mit unabhängig, so geht es vielmehr um den weitestgehend unabhängigen Hörer. Seine teilweise Ignoranz gegenüber dem Aktuellen belohnt mit einer Ergriffenheit und Überraschungen, wie man sie als Jugendlicher empfand, als man zum ersten Mal entdeckte, dass Musik mehr sein kann als die Hits aus dem Radio und ein Album nicht einfach gefallen, sondern schockieren und verwirren kann und das eigene Leben verändert.

* Das stimmt nur halb, also gar nicht. Der wirkliche Anlass war dieser Artikel auf nicorola.de. Vielen Dank, Nico!

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