Plattenkritiken


Rezension: Women – Public Strain

Rezension: Women - Public Strain Als vor zwei Jahren das selbstbetitelte Album der kanadischen Band Women erschien, war das Staunen groß. Keine Singles, keine Demos – nur zehn Songs, die en passant zwischen den unzähligen Nischen der musikalischen DIY-Kultur oszillierten. Das schleppend-klingelnde Pop-Kleinod „Black Rice“ schaffte es im gleichen Jahr immerhin auf Platz 25 der Pitchfork-Lieblingssongs. Ein gewisser Erwartungsdruck wäre mit dem zweiten Album dementsprechend nur logisch gewesen, doch dem Ergebnis ist ein solcher in keinster Weise anzuhören. Auf „Public Strain“ langt das Quartett gewohnt launisch in die ungestimmten Saiten und beweist, dass Attitüde nicht immer nur durch den Klang transportiert werden muss. Für den Feinschliff – wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein kann – zeigt sich zum wiederholten Male das Indie-Kellerkind Chad VanGaalen verantwortlich.

Die Truppe um Patrick Flegel hat deutlich mehr zu bieten, als den obligatorischen Lo-Fi-Schleier, in den der zeitgenössische Indie-Pop zur Zeit mit Wonne geworfen wird. So schmiert „Public Strain“ dem Hörer auch nicht sofort Honig um den Mund, sondern fordert erstmal eines: Geduld. Denn mit „Bells“ und „Can’t You See“ stehen zunächst zwei dronelastige, psychedelische Experimente am Anfang der Platte. Und auch danach wird es nicht gerade gemütlicher: Auf „China Steps“ werden nervös kratzende Gitarrenriffs über das stoische Wechselspiel aus Bass und Schlagzeug gerotzt, deren gehetzte Unruhe durch Flegels apathisch-psychotischen Gesang noch angestachelt wird. Ohnehin drehen sich die Songs der Kanadier gerne im schwindelerregenden Tempo um die eigene Achse. Das Gitarrenspiel auf „Drag Open“ beginnt mit enervierendem, dissonantem Lärm, schlägt einen Haken in Richtung treibender Powerchords, nur um schließlich das Tempo zu drosseln und in schrullig-lieblichen Pickings zu münden. Auch „Eyesore“, welches vorab bereits als Download erhältlich war, lebt von einem so grandiosen wie unerwarteten Stimmungswechsel. Nachdem mehr als drei Minuten in schunkeliger Gemütlichkeit vor sich hin gedaddelt wird und der Gesang stellenweise ins Beach Boy’sche Falsett abdriftet, marschiert das Instrumentarium auf einmal in strenger Erhabenheit und Ernsthaftigkeit nach vorne, ohne auch nur einen Blick zurück zu werfen. Derart nicht sofort ersichtliche Krümmungen in den Arrangements bilden das Herzstück dieser Platte und werden durch Womens intelligent gesetzte Kontraste fein heraus gearbeitet.

„Public Strain“ setzt so gekonnt verschiedene Epochen der Gitarrenmusik in ein Verhältnis, ohne sich einer klaren Positionierung zu entziehen. Auf der einen Seite ein Indie-Rock-Album im klassischsten Sinne, auf der anderen aber auch ein Amalgam aus No Wave, Noise und dem 60s-Pop britischer Prägung. Dazu noch ein ein bisschen Kunsthochschule und Slackertum und schon ist die Verwirrung groß. Denn am Ende eines Hördurchganges weiß man nicht mal mehr, woher man eigentlich kam. Freunde des Überschaubaren und Homogenen werden leicht überfordert sein, bei allen anderen dürfte sich angesichts des kapriziösen Gelärmes vor allem diebische Freude einstellen.

Wertung: 80

Label: Flemish Eye/Jagjaguwar

Referenzen: Deerhunter, Times New Viking, No Age, Crystal Stilts, Liars, Deerhoof

Links: Flemish Eye Myspace

: 10.09.10


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Ein Kommentar zu “Rezension: Women – Public Strain”

  1. [...] dass sich die Kanadier für ihr hierzulande am Freitag (10.09.)  erscheinendes tolles Zweitwerk „Public Strain“ konsequent gegen einen Hit stemmen, keinen Ausreißer mehr zulassen. Und sie werden vor allem [...]

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